Der neue Kulturreferent Anton Biebl auf der Oidn Wiesn

Anton Biebl ist erst seit rund 100 Tagen Kulturreferent, aber kennt den Laden seit Jahren. Er hat Baustellen geerbt und kann viel Geld ausgeben! 

"Kultur ist nicht museal“, darauf legt der neue Kulturreferent großen Wert. Dann lässt er sich aber überreden, das Foto im Museumszelt auf der Oidn Wiesn zu machen. Das Wetter ist wider Erwarten schön geblieben. Wir setzen uns in den Wirtsgarten und bestellen Weißwürste. Die gibt es aber – trotz moderner Kühltechnik, treu dem alten Brauch – nach dem Zwölfuhr-Läuten nicht mehr. Anton Biebl ist flexibel und bestellt Currywurst – fast eine Hommage an seinen Vorgänger Hans-Georg-Küppers, der aus Oberhausen kam.

AZ: Herr Biebl, Ihre Eltern kommen aus Niederbayern, Sie sind in München geboren. Wie ist Ihr Verhältnis zur Wiesn?
ANTON BIEBL: Ich habe ja den Vergleich zum Straubinger Gäubodenfest oder zum Gillamoos in Abensberg. Die sind übersichtlicher, und da wird die Tracht halt noch aus Lebensgefühl getragen. Aber wir sind ja hier auf der Oidn Wiesn, und die ist in dieser Beziehung echt!

Aber Sie selbst sind nicht in Tracht.
Aber ich habe mir Mühe gegeben für das AZ-Foto. Und vor kurzem bin ich auf ein Foto von meiner Einschulung gestoßen: Da habe ich – mit Schultüte – einen Trachtenanzug an, weil man das halt um die Zeit der Wiesn so getragen hat.

Volkskultur ist ja auch ein Teil Ihrer Aufgabe im Kulturreferat.
Und das beste Beispiel ist gleich die Oide Wiesn, wo wir gerade sind. Die war von Beginn an so ein Erfolg, dass man sie jetzt jedes Jahr macht, wenn nicht das Zentrale Landwirtschaftsfest den Platz braucht. Und wir unterstützen auch Jodel-Workshops, Singen für alle oder den Kocherlball. Und damit das ganze nicht zu „retro“ wird, gibt es zum Beispiel auch den von uns ausgelobten „Innovationspreis Volkskultur“. Den haben im letzten Jahr die Macher der bairischen Fassung des französischen Theaterstücks „Der Gott des Gemetzels“ bekommen.

Das Kulturreferat fördert in erster Linie zeitgenössische Kunst.
Wir sind Kulturermöglicher in der gesamten Bandbreite. Gerade komme ich aus St. Florian bei Linz, wo die Münchner Philharmoniker Bruckner aufnehmen. Kürzlich war ich in der Muffathalle zur Performance „Sense Factory“ oder bei „Kunst im öffentlichen Raum“, als bei Aerocene solarbetriebene Flugobjekte aufsteigen sollten, wobei uns die Sonne einen Strich durch die Rechnung gemacht hat. Oder ich habe auf der Pressekonferenz der Volkshochschule zum Programmschwerpunkt „Demokratie“ gesprochen.

Als Kulturreferent kann man aber nicht nur verwalten, weil es in den letzten Jahren gut gelaufen ist, sondern muss auch gestalten.
Ich bin schon seit neun Jahren im Kulturreferat, als Stadtdirektor und stellvertretender Kulturreferent. In der Zeit ist vieles gut auf den Weg gebracht worden. Daher gibt es keinen Grund für einen kompletten Kurswechsel – sonst hätte ich ja den bisherigen Kulturreferenten schlecht beraten. Was ich aber – und vielleicht kommt da in mir der Jurist und Manager durch – immer wieder neu fragen muss: Erreichen wir mit unserer Kulturpolitik alle Altersgruppen, alle Schichten, alle Zielgruppen, wie es unser Verfassungsauftrag vorsieht? Kulturelle Bildung ist da ein Stichwort. Jemanden, der mit Dreißig noch nie im Theater war, erreicht man schwerer als Schülerinnen und Schüler. Ich habe vom Stadtrat jetzt noch einmal acht Millionen zusätzlich bewilligt bekommen, mit denen ich Bewährtes stärken und neue Schwerpunkte setzen kann. Wunderbar!

Und welche Schwerpunkte sind das?
Wir wollen zum Beispiel mehr Diversität, also Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen und aus verschiedenen Milieus gleichermaßen ansprechen. Das ist gar nicht so leicht, da brauchen wir manchmal auch das Sozialreferat oder das Referat für Bildung und Sport als Partner und Türöffner. Bei „Migration bewegt die Stadt“, einem Projekt im Münchner Stadtmuseum, haben wir das gut hingekriegt. Da sind Menschen gekommen, die vorher noch nicht im Museum waren. Sie fühlten sich eingeladen, ihre Sichtweisen und Erfahrungen einzubringen in die Erzählung der Stadtgeschichte.

Evaluieren Sie Förderungen?
Ich bin ein Freund von Evaluation. Aber die Besucherzahl allein ist kein Kriterium. Man darf nicht die Münchner Philharmoniker mit einem Publikum, das Tausende umfasst, mit einem Kellertheater vergleichen, das aber ein fantastisches Programm macht. Aber ich vereinbare mit meinen Abteilungsleitern schon Zahlen und Zielvorgaben, die man gemeinsam auswerten kann. Und dann schaut man natürlich auch in die Presse, um zu sehen, was etwas getaugt hat.

Sie sind auch ein Verwalter von vielen Baustellen: Volkstheater, Gasteig dazu die alte Viehbank in der Zenettistraße.
Die Sache beim Forum Humor und Komische Kunst, dessen Initiatoren in die Viehbank wollen, ist klar: Der Stadtrat hat sich hinter das Projekt gestellt und damit werden wir es unterstützen. Gleichzeitig muss ich als Kulturreferent auch kritischer Begleiter sein, weil Vieles noch ungelöst ist: Viele der vorgeschlagenen Inhalte gibt es bereits im Literaturhaus, im Stadtmuseum und im Valentin-Karlstadt-Musäum. Was macht man also? Und der Freistaat Bayern will auch keine laufenden Betriebskostenzuschüsse zahlen, so dass der Unterhalt noch völlig ungeklärt ist beziehungsweise einen hohen städtischen Zuschuss erfordern würde.

Und der Gasteig: Wenn der ab 2022 saniert wird, fällt für das Filmfest München das Festivalzentrum weg.
Die Festivalchefin Diana Iljine hätte gerne ein Interims-Festivalzentrum am Königsplatz, was wir prüfen und im November diskutieren. Und auch in der Diskussion um die Finanzierung des Filmfests München sind wir gerade, ob die Stadt München nachzieht, weil der Freistaat Bayern das Filmfest München ja mit 1,7 Millionen zusätzlich unterstützt. Es geht um die Frage „Exzellenz“ oder mehr in die Breite gehen.

Die Gasteigsanierung soll 410 Millionen Euro kosten.
Da sammeln wir gerade die detaillierten Anforderungen der Nutzer wie Stadtbibliothek, Philharmoniker, Volkshochschule. Und das muss so zusammengefasst werden, dass die 410 Millionen eingehalten werden.

Wenn man eine Philharmonie als Interimsgebäude in Thalkirchen hinstellt, ist das nicht viel zu schade, wenn man die dann nach ein paar Jahren wieder abbaut?
Aus Brandschutzgründen wird beim Bau jetzt weniger Holz und mehr Beton hergenommen als ursprünglich geplant. Es wird also kein schnell abbaubares Gebäude. Der Stadtrat muss entscheiden, was nach der Nutzung als Gasteig-Ersatz damit gemacht wird.

Konzertveranstalter beklagen, dass in München – vor allem für Pop und Rock – eine Halle in einer Größenordnung von 3000 bis 5000 Personen fehlt.
Ja, da wird mit uns zusammen nachgedacht über die Galopprennbahn Riem, die Nachnutzung der Olympia-Eishalle. Vielleicht geht doch noch was bei der Paketposthalle.

Jetzt sind sie seit rund 100 Tagen Kulturreferent in München. Ein Traumjob, oder?
Absolut. Aber damit kann man nicht rechnen, dass einem das passiert. Als ich Jura studiert habe, saß ich sehr oft in der wunderschönen juristischen Rathausbibliothek. Da hing am Eingang so ein kleiner Zettel: „Stadt München sucht Juristen und Juristinnen“ Und ich hab mir gedacht: Wäre wunderbar, wenn du das schaffen würdest! Und wirklich, mein Examen war so gut, dass es geklappt hat und ich einen Monat nach dem zweiten Staatsexamen bei der Stadt angefangen habe, im Planungsreferat. Über das Personalreferat ging‘s ins Direktorium. Und als dann die Vizeposition im Kulturreferat ausgeschrieben war, war das eine Chance, die es nur einmal im Leben gibt. 2018 bin ich vom Stadtrat gefragt worden, ob ich Kulturreferent werden will, und ich bin richtig glücklich!

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