Die Live-Cam-Performance „Yung Faust“ von Leonie Böhm

Die erste Live-Cam-Performance „Yung Faust“ von Leonie Böhm lud dazu ein, die Einsamkeit zusammen online zu vertreiben

Eins lässt sich gleich sagen: Im Hause Riedler liest man gerne Bücher. Zumindest sieht man per Live-Cam-Übertragung die Reihen eines mehrstöckigen Holzregals, in denen sich Werke wie die „Vernon Subutex“-Trilogie, „Glamorama“ von Bret Easton Ellis oder ein Japan-Reiseführer befinden.

Vor dieses Szenario setzt sich Julia Riedler. Sie nimmt sich Zeit, schaut in die Kamera, berührt sie, richtet sie ein, wirft den Blick der Zuschauer, die sich zu Hause vor ihren Bildschirmen versammelt haben, zurück und beginnt ihren ausschweifenden Monolog.

Ja, zwei Seelen schlagen in ihrer Brust. Und als sie zu dieser Stelle kommt, „Habe nun, ach, durchaus studiert…“, wirft sie kurz einen Blick hinter sich auf die Bücher-Reihen. Passt doch, das Setting, das sie sich ausgesucht hat für den Kopfmenschen Faust. Ihr zugeschaltet wird Benjamin Radjaipour. Seine Umgebung: betont pflanzlich, ein Strauß Tulpen und ein Ficus rahmen ihn. Er singt ihr sanft ein Ständchen: Sades „No Ordinary Love“.

Das Internet ist auch eine Bühne

Das Arrangement ist neu, die Abfolge gut eingespielt: Riedlers Monolog, Radjaipours Song machten in der Vor-Corona-Ära bereits regelmäßig den Anfang bei den Aufführungen von „Yung Faust“ in der Kammer 2, wobei Julia Riedler da noch zaghaft durch einen roten Vorhang lugte, bevor sie vors Publikum trat, und Radjaipour beim Gang durch die Zuschauerreihen seinen Sade-Song sang. Da jetzt nix mehr mit Kammerspiele-Bühne ist und körperliche Distanz herrscht, das Internet aber auch eine Bühne ist und des Bedürfnis, live etwas zu erleben, wächst, wurde Leonie Böhms Inszenierung „Yung Faust“, frei nach Goethe in eine Live-Cam-Version der neu ins Leben gerufenen „Kammer 4“ verwandelt.

Das Video-Konferenz-Feeling, das sich nun ergibt, wenn man das durch Annette Paulmann komplettierte Schauspiel-Trio und den Musiker Johannes Rieder jeweils live aus ihren Wohnräumen performen sieht, kennen sicherlich einige mittlerweile vom Home Office und privaten, in den virtuellen Raum ausgelagerten Treffen. Schön paritätisch ist das ja alles: Jede und jeder hat sein Quadrat, alle können sich sehen, nur die Tonübertragung ist leicht verzögert. Diese Ästhetik hat ihren Reiz (doch für wie lange?) und setzt sich gerade im kulturellen Bereich durch.

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