Doris Dörrie: ‘Es ist eine ganze Menge, dessen wir uns bewusst werden müssen’

An der Hochschule für Fernsehen und Film in München ist Doris Dörrie Professorin für “Creative Writing”. Ihr Lehrstuhl hat gerade ein Seminar zu “Critical Whiteness” abgehalten. Es geht darum, sich der eigenen, weißen, europäischen Privilegiertheit bewusst zu werden und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen.

AZ: Frau Dörrie, die Politische Korrektheit oder jetzt “Critical Whiteness” sind Themen, die viele nervös machen. Aber ist beim Schreiben “Critical Whiteness” nicht wie eine Schere im Kopf?
DORIS DÖRRIE: Nein, das Thema sollte sein, ob wir weiter auf Erzählmustern beharren, nur weil sie immer so erzählt wurden? Das ist die dümmere Variante. Oder ob wir nicht vielmehr etwas dazu lernen wollen. Am Anfang stand die Frage der Studierenden im Raum: Worüber dürfen wir in unseren Werken sprechen? Worüber können wir noch schreiben? Meine Antwort war eine Gegenfrage: Was können wir denn aus dieser Fragestellung lernen?

“Kritisches Bewusstsein schafft auch größere Sicherheit”

“Was kann ich überhaupt noch sagen!?” klingt wie Kritik aus der rechten Ecke.
Nein, hier geht es um eine sensible Verunsicherung, die nichts mit Rechts zu tun hat. Wir haben in einem Seminar geschaut, was es zu lernen gibt, und siehe da: Es ist eine ganze Menge, dessen wir uns bewusst werden müssen. Kritisches Bewusstsein schafft auch größere Sicherheit, zum Beispiel im Umgang mit diversen Charakteren in Drehbüchern oder People of Color. Da gibt es erst mal eine sehr einfach Arbeitsanweisung: Nämlich die Beschriebenen einfach mal selbst zu befragen, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Also mit ihnen zu erzählen und nicht über sie.

Es geht aber um mehr: Nämlich darum, die eigene eurozentristische, “weiße” Haltung zu hinterfragen.
Ja, weil man vor allem erst einmal nach dem Rassisten oder der Rassistin in sich selbst fragen muss. Was man sich oft nicht klar macht: Als weiße Person ist man von vornherein privilegiert und kennt es nicht, die Welt von der anderen Seite aus erfahren zu müssen. Das beginnt damit, dass “weiß” in unserer Kultur meist positiv konnotiert ist, “schwarz” eher negativ, dass es eine “weiße Weste” gibt, aber “schwarz sehen”, dass ein Gegenstand, der “hautfarben” ist, einen helleren Gegenstand meint… und so weiter.

Und das alles, obwohl wir auf der Welt in der Minderheit sind, aber sehr stark glauben, dass wir eine überlegene Kultur und Geschichte haben, weil wir über Jahrhunderte die Definitionshoheit auf der Welt erobert und verteidigt haben – – und es weiterhin tun. Wenn man sich klar macht, wie bisher Macht und Privilegien funktioniert haben, sieht die Welt plötzlich ganz anders aus.

Für uns Privilegierte wäre das wie eine Erbschuld, die man nicht abwaschen kann.
Das ist nicht das Problem. Sondern das Privilegiertsein mitzudenken, kann schon ein Beginn sein, Ungleichheiten einzuebenen und eine andere Teilhabe einzufordern.

Interessanterweise gab es noch vor zehn Jahren Filmerfolge wie “Ziemlich beste Freunde” oder vor vier Jahren “Greenbook”. Die sieht man jetzt mit anderen Augen.
Die Filme haben nicht ihre Unschuld verloren, sie hatten sie nie. Ich habe mir mit Freunden, die PoC sind, in den USA “Ziemlich beste Freunde” angesehen und sie empfanden den Film als unglaublich rassistisch. Ein anderes Beispiel: Sofia Coppolas “Lost in Translation” fand ich in Deutschland ganz ok, aber als ich ihn mit japanischen Freunden wieder sah, bin ich rot vor Scham geworden über die Art, wie Japaner und Japanerinnen dargestellt sind, und wie die beiden Amerikaner -im Film also Bill Murray und Scarlett Johansson – sich über alle Japaner, die ihnen begegnen, lustig machen. Sie sind nur Karikaturen, nur exotische Folie für die eurozentrische, weiße Geschichte. Interessant finde ich, dass ich den tiefen Rassismus zuvor gar nicht bemerkt hatte, weil ich beide Filme nicht im Beisein der Beschriebenen gesehen hatte.

Als Filmemacher kann man Geschichten erzählen, die freier sind von strukturellem Rassismus. Wenn ich aber im biedermeierlichen England in der Aristokratie plötzlich Figuren Schwarz besetze wie in der Serie “Bridgerton”, dann ist das doch Geschichtsverfälschung, weil das ja hieße, dass es damals kaum Rassimus gab.
Aber – egal wie gut die Serie im Einzelnen war – ist es doch wunderbar, dass es mal anders gemacht wird und man ausprobiert hat, wie es wirkt, wenn plötzlich PoC Mitglieder der historischen High Society sind. Das ist ein kreativer Coup gewesen. Ein wichtiger Einwand aber ist, dass wieder PoC benutzt werden, um eine letztlich weiße Geschichte zu erzählen. Oder: Wo bleibt die historische Wahrheit? Das ist in fiktiv erzählten Geschichten immer eine mögliche Diskussion. Und ja: Es sollte uns in unserer bisherigen Erzählhaltung verunsichern!

Ist zu viel Hysterie im Spiel?

Wenn man die Diskussion um die Übersetzung der Gedichte von Armanda Gorman nimmt, die bei der Inauguration von US-Präsident Biden auftrat und plötzlich weltberühmt wurde: Verlage sind nervös geworden über die Frage, wer diese Gedichte in eine andere Sprache übertragen darf. Oft wurden gemischte Übersetzungsteams beauftrag. In den Niederlanden wurde einer diversen, weißen Person der Auftrag nach Protesten von PoC wieder entzogen. Da ist viel Hysterie im Spiel.
Wieso wird so schnell von Hysterie geredet, wenn es um so wichtige Fragen geht wie die, ob wir uns Dinge einer anderen Kultur einfach so einverleiben dürfen? Das kann man nicht allgemein beantworten, aber man sollte genau zuvor darüber nachdenken, um welche Elemente einer anderen Kultur es sich handelt. Sind es religiöse, sakrale, rituelle Elemente, die zum Beispiel einfach als Fashion benutzt und so nicht respektiert werden? Andererseits gehört Kultur keiner Gruppe allein, weil das Wesen von Kultur die gegenseitige Beeinflussung, Inspiration, Vermischung immer war und ist.

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Aber bei den Gedichten von Gorman ging es ja um die Frage, ob eine weiße Person Texte übersetzten darf, hinter denen und in denen die Erfahrung der Versklavung steckt?
Ich finde es sinnvoll, sich in der Frage mit Menschen zusammensetzen, in deren Familiengeschichte solche Erfahrungen stecken. Gleichzeitig muss es immer auch um die Qualität der Übersetzung gehen, die eben nicht nur mit persönlicher Erfahrung zu tun hat. Andersherum ist es, denke ich, nicht angebracht ist, als weiße deutsche Frau zum Beispiel einen Roman zu schreiben, der als historischen Hintergrund die Erfahrung der Versklavung hat. Aber ist das denn so schlimm, wenn ich heute als Weiße solch einen Roman nicht mehr schreiben sollte?

Aber da gibt es die Empfindlichkeit, dass man künstlerisch jetzt manches “nicht mehr darf”.
Ja um Himmels Willen! Wir sind jetzt empfindlich? Da sollte man mitdenken, was der Großteil der Weltbevölkerung bis her nicht durfte und darf, weil er seit Jahrhunderten von allen Möglichkeiten abgeschnitten war – und weitgehend immer noch ist! Und jetzt flippen wir Privilegierte aus, weil wir nicht mehr alles dürfen? Vielleicht ist auch einfach ein bisschen schmerzlich, weiße Privilegien abgeben und sich selbst kritischer betrachten zu müssen.

Als Filmemacher kann man gegensteuern, indem man andere Rollenbilder besetzt, und der türkischstämmigen Schauspieler halt nicht mehr der Dönerbudenbesitzer ist.
Das Thema ist deprimierend. Seit ich Filme mache, hoffe ich, dass sich endlich was verändert. Aber es geht so erschütternd langsam. 1992 habe ich “Happy Birthday, Türke” nach dem Roman von Jakob Arjouni gedreht, in dem es schon darum ging, dass ein türkischstämmiger Detektiv nicht dauernd darüber reden muss, dass seine Eltern aus der Türkei kamen. Beim Bayerischen Filmpreis ein paar Jahre später stand mein Schwarzer Hauptdarsteller Pierre Sanoussi-Bliss aus “Keiner Liebt mich” beim Empfang im Antiquarium der Residenz und – ein inzwischen sehr bekannter – deutscher Regisseur, ein junger Kerl damals, ging an Pierre vorbei und gab ihm seinen leeren Teller, weil er wie selbstverständlich dachte: Das ist der Kellner.

Schockierend, aber dieser reflexhafte Rassismus schlummert tief und oft unbewusst in den meisten von uns – bis heute. Auch wenn ich finde, dass unsere Gesellschaft schon viel diverser, bunter ist, als wir meistens um 20.15 Uhr im Fernsehen gezeigt bekommen. Ich denke, als Filmemacher ist man auch verpflichtet, nicht nur irklichkeit abzubilden, sondern auch ein Stückchen Utopie zu erzählen und Chefchirurginnen, Politker und Staatsanwältinnen mit PoC zu besetzen.

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Aber eine Verfilmung von Oskar Maria Grafs “Das Leben meiner Mutter” ginge halt schlecht mit PoC.
Aber das wäre vielleicht aber ein neuer kreativer Ansatz. Shakespeares Othello muss auch nicht “schwarz” sein, um ihn als Außenseiter zu charakterisieren.

Political-Correctness-, Gender- oder MeToo-Bewegungen üben Druck aus. Da bekommt eine liberale Frau wie J.K. Rowling plötzlich einen Shitstorm, nur weil sie nicht bis zur letzten Feinheit diese Emanzipationsbewegungen mitvollziehen will. Schießt da nicht manches übers Ziel hinaus?
Ganz sicher – aus großer Wut heraus. Aber endlich kann die auch mal geäußert werden. Endlich wird sie sichtbar und wir müssen sie wahrnehmen und uns mit ihr konfrontieren. Das ist oft sehr schmerzhaft für die Betroffenen. Aber wir sollten vielleicht nicht so sehr darüber reden, wo etwas übers Ziel hinausschießt, sondern die Wut und Verletzungen ernst nehmen und daraus die Lektion ziehen, für mehr Teilhabe und Gleichberechtigung zu sorgen für all die, denen das seit Jahrhunderten vorenthalten wurde. Das sollte der Hauptblickwinkel bleiben. Wir brauchen mehr Rücksichtnahme und Liebe für alle. Außer für Rassisten.

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