Elton John: „Ich. Elton John. Die Autobiografie“ – die AZ-Kritik

Elton John, der größte Exzentriker unter den Mega-Popstars hat eine Autobiografie geschrieben. Die ist natürlich schrill, aber voller Humor, Selbstironie – und ziemlich indiskret

Wer für ein paar Stunden in eine völlig andere Welt abtauchen will, der kann Mittelalter-Romane lesen, anthropologische Studien über Stämme fernab der Zivilisation oder Science Fiction-Literatur. Oder, neuerdings: die Autobiografie von Elton John.

Der ist zwar aus Fleisch und Blut, doch sein Leben ist mit dem von uns Nicht-Megastars kaum zu vergleichen. Er gibt in „Ich, Elton John“ auch gar nicht vor, ein gewöhnlicher Mensch zu sein, der nur zufällig die Gabe hat, in Nullkommanix Songs wie „I Guess That’s Why They Call It The Blues“ oder „Rocket Man“ rauszuhauen. Elton John weiß: Sein Leben ist selbst für einen Larger-Than-Life-Popstar völlig unnormal.
Auch andere Reiche mögen Kaufräusche haben: Doch wer hat schon mal privat eine Trambahn gekauft, die dann von Australien nach England verschifft werden musste? Wer hat in seinem Haus nicht nur eine komplette Disco, sondern auch einen Nachbau des Throns von Tutanchamun?

Kostüme zwischen Glam-Rock-Glanz und Christbaum

Elton Johns Exzentrik macht freilich bei seinem chronischen Konsumrausch nicht halt. In den Siebzigern verkündete er Gästen und Bediensteten sein morgendliches Erwachen stets durch eine Fanfare, die er über die Außenlautsprecher seiner Stereoanlage ertönen ließ. Seine überkandidelten Kostüme zwischen Glam-Rock-Glanz und Christbaum sind legendär, er trat auch bisweilen als Frau oder als Katze auf, als Operettengeneral oder Musketier, als Minnie Mouse oder, 1980 bei der Zugabe des größten Open Air-Konzerts seiner Karriere, als Donald Duck: Auf eine Kostümprobe hatte er verzichtet und auf der Bühne stellte er fest, dass er weder laufen noch sitzen konnte. So sang er vor einer halben Million Zuschauer im Central Park die zarte Liebesballade „Your Song“ als gebückter Erpel.

Man könnte mit diesen Anekdoten schier endlos fortfahren. Und genau das machen Elton John und sein Co-Autor, der „Guardian“-Journalist Alexis Petridis – und zwar mit großartigem britischen Humor. „Ich, Elton John“ ist ein extrem lustiges, selbstironisches, unterhaltsames und herrlich indiskretes Buch.

Der gesamte Wahnsinn von Elton Johns Leben wurde von Mitte der Siebziger bis zu seinem Entzug 1990 noch von unglaublichen Mengen Kokain und Alkohol befördert. Seither ist er trocken, hat dafür aber – als zur Abhängigkeit neigende Persönlichkeit – neue, weniger nahe liegende Süchte aufgebaut: etwa das manische Schreddern von Papier. So zerstörte er aus Versehen kurz vor der Feier seiner Lebenspartnerschaft mit David – sie waren 2005 eines der ersten schwulen Paare in England, die von dem neuen Gesetz Gebrauch machten – dessen liebevoll ausgearbeitete Tischordnung.

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