Erfinderin von Benjamin Blümchen: "Greta Thunberg würde auf ihm reiten"

Ihre Figuren kennt fast jedes Kind: Elfie Donnelly, die Erfinderin von “Benjamin Blümchen” und “Bibi Blocksberg”, hat mit dem stern über ihren Erfolg, ihr neuestes Hörspiel und ihr Leben an der Seite von Peter Lustig gesprochen, mit dem sie mehr als 18 Jahre liiert war.

Dass sie Kinderbuchautorin wurde, nennt Elfie Donnelly, Erfinderin von “Benjamin Blümchen” und “Bibi Blocksberg”, Zufall

Frau Donnelly, viele Gerüchte ranken sich um ihn, jetzt erfahren wir endlich die Wahrheit: Ist Benjamin Blümchen ein Wutbürger?
Oh ja. Er ist ein sehr gutmütiger Wutbürger oder auch ein sehr wütender Gutbürger, was bitte anerkennend zu verstehen ist. 

Als Wutbürger hat er immer für die Umwelt gekämpft – indem er sich zum Beispiel auf Bäume gesetzt hat, damit sie nicht abgeholzt werden. Wäre er heute auch bei den Fridays for Future dabei?
Auf jeden Fall! Er wäre der Vor-Elefant, auf dem Greta Thunberg reiten würde. Benjamin Blümchen ist ein waches Mitwesen, das natürlich oft tollpatschig und auf die Unterstützung anderer Leute angewiesen ist, die noch einen besseren Einblick in die Gegebenheiten haben als er, Karla Kolumna etwa.

Waren Sie das Vorbild für die Reporterin Karla Kolumna? Bevor Sie die Figuren erfunden haben, haben Sie als Journalistin in München gearbeitet.
Nein, das Vorbild für meine Figur war meine Freundin Karla Krause von Fumetti. Sie hat damals als SFB-Redakteurin übrigens mein Benjamin-Hörspiel abgelehnt, weil es für die damalige Zeit ziemlich unsinnig erschien, so viel heile Welt!

Klischees in Hörspielen

Benjamin Blümchen ist ein Wutbürger und Bibi Blocksberg voll spießig

Jetzt haben Sie ein neues Hörspiel für Kinder geschrieben: “Draculino”. Wovon handelt es?
Luca ist ein Findelkind, das in Italien in einem kleinen Waisenhaus lebt. Ein Mitschüler schlägt ihm die Vorderzähne aus, sodass nur noch Lucas spitze Eckzähnchen stehenbleiben. Aber glücklicherweise lebt im Keller des alten “Ospedale” ein sehr gutmütiges kinderloses Vampir-Ehepaar, das sich seiner annimmt. Der Junge erfährt zum ersten Mal in seinem Leben Zuneigung und Elternliebe und bekommt den Namen Draculino. Es ist eine Geschichte für Kinder, aber wie immer habe ich eine Menge Anspielungen darin versteckt, an denen auch Erwachsene ihren Spaß haben dürften. Ich kann es einfach nicht lassen, verrückte Politiker mit in meine Geschichten einzubinden.

Sie sagten einmal, bevor Sie Kinderbuch-Autorin geworden sind, hätte man Sie ernster genommen. Wieso wollten Sie nicht mehr als Journalistin arbeiten? 
Ich hatte Jahre zuvor gemerkt, dass ich mich nach meiner Arbeit in München als Yellow-Press-Schreiberin lieber an einem Roman versuchen wollte. Ich war damals erst 25 und innerlich sehr mit dem Tod meiner Mutter und dem meines Großvaters beschäftigt. In meinem ersten Buch, “Servus, Opa”, habe ich all das verarbeitet. Mir ist erst während des Schreibens aufgefallen, dass ich ein Kinderbuch schreibe und mir dieses Genre offenbar liegt. 

Werden Kinderbuchautoren allgemein zu wenig ernst genommen?
Als Kinderbuchautorin landet man schnell in einer Schublade, aus der man nicht so einfach wieder herauskommt. Ich habe auch nicht grundlos 1989 meine Rechte an “Benjamin Blümchen” und “Bibi Blocksberg” abgegeben. Ich konnte einfach nicht mehr weiter Serien schreiben. Noch schlimmer: Ich konnte über meine eigenen Zeilen nicht mehr lachen.  

Bereuen Sie heute, die Rechte abgegeben zu haben?
Könnte ich die Zeit zurückdrehen, würde ich es vielleicht anders machen und einen Teil behalten wollen, aber für die damalige Zeit war es richtig, meine Figuren loszulassen. 

Sie sind damals mit Peter Lustig zusammengekommen. Der Gedanke liegt nahe, dass Sie sich gegenseitig in Ihrer Arbeit beeinflusst haben.
Nein, mit meinen Charakteren hatte Peter Lustig nichts zu tun. Wir waren immer sehr unterschiedlich: Er war der Wissenschaftler, ich war die reine Fantasie.

Stimmt es eigentlich, dass Sie damals nur wegen der Steuer geheiratet haben?
Zu jener Zeit war Heiraten nicht besonders “in”, das machten nur Spießer. Für uns gab es vor allem zwei gute Gründe, um zu heiraten: die Steuer und eine große Party. Und wir hatten damals ja auch schon ein Kind, das den Namen Lustig tragen sollte. 

Elfie Donnelly und Pavi, ihr gemeinsamer Sohn mit Peter Lustig, 1977

Angeblich haben Sie in einer Kommune gelebt und eine offene Beziehung geführt.
In Hannover haben Peter und ich ein Jahr in der Bhagwan-Kommune gelebt, damals bereits noch verheiratet, aber als gute Freunde. Ich gründete mit einem befreundeten Piloten die Bhagwan-Disco, die heute immer noch gut läuft, leider ohne mein Zutun. Auch da habe ich meine Anteile abgegeben.

Das scheinen Sie ja öfter getan zu haben.
Wenn ich Schluss mit etwas mache, bin ich meist sehr radikal.

Auch bei Peter Lustig?
Peter und ich haben uns immer gut verstanden und sind auch nach unserer Trennung noch zusammen verreist. Bis irgendwann eine neue Frau an Peters Seite auftauchte, die das nicht mehr goutierte. Ich will aber nichts Böses über sie sagen, sie hat Peters tiefste Wünsche erfüllt. Denn wie sich später herausstellte, wollte Peter nie eine erfolgreiche, ambitionierte Frau. Er wollte lieber eine, die supergut kocht – kann ich nicht – und die sich ausschließlich um ihn kümmert.  

"Löwenzahn"-Moderator

Peter Lustig hasste Kinder? So ein Quatsch – und hier ist der Beweis

Wenn Sie jetzt so erzählen, dass er keine erfolgreiche Frau wollte, klingen Sie dabei sehr traurig.
Er hatte irgendwann mal den Wunsch geäußert, mit 40 ein Haus mit Pool zu besitzen. Ich hatte dann das Haus mit Pool schon vor ihm, Benjamin Blümchen sei Dank. Für mich waren wir ja ohnehin alle eine Familie, aber es hat ihn wohl doch gewurmt, was er mir erst später verraten hat. Besonders unangenehm war es einmal bei der Grimme-Preis-Verleihung. Als Peter ausgezeichnet wurde und ich ihn zur Verleihung begleitete, sagte der Produzent zu mir, ganz lieb gemeint: “Na, da fällt ja etwas von Peters Glanz auf Sie ab.” Ich erwiderte: “Na ja, ich habe meinen Grimme-Preis schon vor einem Jahr bekommen.” Und ich habe mich in diesem Moment fast dafür geschämt. Ich hatte oft Selbstzweifel und das Gefühl, ich müsste meinen Mann um Erlaubnis für etwas bitten. Peter war die Emanzipation vom Kopf her recht, aber nicht vom Herzen. 

Da ist er wahrscheinlich nicht der einzige Mann.
Ja, so wie viele Männer hatte auch Peter das Bedürfnis nach dem Mütterlichen. Ihm hat als Flüchtlingskind die Mutter immer gefehlt. Er musste hungern und hatte eine sehr harte Kindheit. Erst als er eine Therapie gemacht hat, konnte er zu seinen Schmerzen und Wünschen stehen. 

Elfie Donnelly mit ihrem zwölf Jahre älteren Ehemann Peter Lustig 1977 

Ich verstehe, dass Sie fehlende Emanzipation ärgert. Aber ich muss auch sagen, dass Ihre Geschichte über Bibi Blocksberg bei genauerer Betrachtung gar nicht so emanzipiert erscheint. In ihrer Welt sind es zwar die Frauen, die die magischen Kräfte haben und trotzdem auch die Frauen, die die ganzen Hausarbeiten erledigen, während der Mann das Sagen hat. Wie passt das zusammen?
Die kleine Hexe würde ich heute wesentlich emanzipierter schreiben. Der Zeitgeist der End-Siebziger und Achtziger Jahre war noch sehr geprägt vom Patriarchat. Letzten Endes waren es doch die Männer, die die Entscheidungen trafen, und wenn nicht, ließen wir sie im Glauben, dass sie die Hosen anhätten. So handeln auch Bibi und Barbara Blocksberg. 

Peter Lustig hatte eine schwere Kindheit und Sie haben angedeutet, dass Ihre Kindheit auch nicht leicht war. Haben Sie sich deshalb eine schöne Fantasie-Welt für Kinder ausgedacht?
Ganz bestimmt. Wir haben beide auf unsere Weise versucht, eine heile Welt zu schaffen, eine Welt, in der Kinder sich sicher fühlen können. Denn weder Peter noch ich hatten so eine Welt. Mein Vater war Schwerstalkoholiker, ein gequälter, kranker Mensch. Meine Mutter musste hart arbeiten, um mich durchzubringen. Ich bin bei ihr und meinen Großeltern aufgewachsen. In dieser Familie gab es zudem das Trauma um meinen Onkel, der in den letzten Kriegstagen an die Wand gestellt und erschossen wurde. Er war der Lieblingsbruder meiner Mutter. Es war eine schwermütige Kindheit, die ich durch mein Schreiben ein bisschen fröhlicher gestaltet habe, frei nach Woody Allen: Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit zu haben.

Die erste sechsteilige Staffel von “Draculino” gibt es ab dem 10. Dezember 2019 bei Audible zum Download.

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