Großes Kino und noch größeres Heimkino

Martin Scorsese fordert mit “The Irishman” viel Sitzfleisch vom Zuschauer ein. Er bietet im Gegenzug aber auch jede Menge Qualität.

Frank Sheeran (Robert De Niro, M.) hat sein Leben dem Verbrechen gewidmet

Coole Gangster mit coolen Outfits, die zu noch coolerer Musik und in Zeitlupe zur Arbeit schreiten. Sich lässig über Fastfood, Fußmassagen und weggeschossene Köpfe unterhalten. Mit Filmen wie “Reservoir Dogs” und “Pulp Fiction” hat Regisseur Quentin Tarantino maßgeblich zum vermeintlichen Berufswunsch “Ganove” beigetragen. Beinahe zeitgleich – wenn auch auf ungleich humorlosere Weise – hat ein gewisser Martin Scorsese mit “Good Fellas” und “Casino” zu diesem Image beigetragen. Mit der kostspieligen Netflix-Produktion “The Irishman”, die ab 14. November für kurze Zeit auch ins Kino kommt, möchte er dieses Bild nun offenbar etwas geraderücken. Allerdings tut er dies auf derartig ausschweifende Weise, dass sich für viele Zuschauer die kleine Wartezeit auf den Streaming-Start am 27. November lohnen dürfte.

Ein langes Verbrecherleben – Darum geht es

Der Ire Frank Sheeran (Robert De Niro, 76) hat sich über Jahre hinweg einen Namen damit gemacht, Häuser “zu streichen”. Nicht mit Farbe, versteht sich. Frank ist als skrupelloser Killer der Mafia berühmt-berüchtigt und streicht Wände stets blutrot. Seine Gangsterkarriere begann früh, aber verhältnismäßig zahm: Als junger Kriegsveteran liefert er zunächst Essen aus und stibitzt Steaks, um sie unter der Hand gewinnbringend zu verticken. Lange dauert es nicht und der Mafiaboss Russell Bufalino (Joe Pesci, 76) wird auf ihn aufmerksam. An seiner Seite reift Frank zum skrupellosen Eintreiber und Hitman, der seinem Job mit viel Inbrunst nachgeht.

Schließlich lernt Frank einen Mann namens Jimmy Hoffa (Al Pacino, 79) kennen und schätzen. Hoffa arbeitet als Gewerkschaftsboss zunächst eng mit der Mafia zusammen und wird zu Franks zweitem Mentor. Die gute Beziehung zwischen Hoffa und Bufalino endet jedoch jäh, als Robert Kennedy zum Justizminister ernannt wird und vehement gegen Korruption vorgehen will. Der sich für unantastbar wähnende Hoffa wendet sich von der Mafia ab und so reift dort das Bestreben, ihn verschwinden zu lassen. Der perfekte Mann für dieses Unterfangen ist in Person von Frank schnell gefunden. Es gibt nur ein Problem: Er zählt sowohl Verräter Hoffa als auch Mafiagröße Bufalino inzwischen zu seinen wenigen Freunden auf der Welt.

Verbrechen lohnt sich nur kurz

Mit seinem jüngsten Werk, dem dreieinhalb Stunden langen XXL-Epos “The Irishman”, setzt der Regie-Haudegen auf die bewährte, unverwechselbare und nach wie vor sehenswerte Scorsese-Formel. Die beinhaltet großartige, ja makellose Kinematografie, viel Liebe zum Detail und sich die Waage haltende Humor- und Gewaltspitzen. Ja, “The Irishman” ist stellenweise ein unerwartet lustiger Film geworden. Scorsese nutzt seine Erfolgsrezeptur inhaltlich aber dieses Mal auf eine Weise, die unmissverständlich deutlich macht: Wer sich für die “Familie” entscheidet, muss sich früher oder später von der Familie verabschieden – und landet, wenn nicht tot in der Gosse, vereinsamt und hadernd im Altenheim.

Neue Charaktere, die Frank und somit die Zuschauer treffen, werden per Texteinblendung vorgestellt. In der erfährt man außerdem, auf welche ausnahmslos grausige Weise sie später den Tod finden. Denn Mafia-Verbrechen mag sich finanziell vielleicht lohnen – viel Zeit, um das illegal verdiente Geld auf den Kopf zu hauen, bleibt aber den wenigsten Schergen. Und wenn doch, dann haben sie niemanden mehr, mit dem sie ihren Lebensabend verbringen können. So endet der Film mit dem Gefühl der Reue, der Trauer und des Selbstmitleids.

Wie die Zeit vergeht

Wenn, wie in “The Irishman”, ein ganzes Verbrecherleben dargeboten werden soll, stößt dies unweigerlich auf einige Risiken und Nebenwirkungen. Eine davon ist die generelle Erzählstruktur. Scorsese hat sich bei den vier Akten des Streifens quasi für eine doppelte Rahmenhandlung entschieden, durch die – ob nun gewollt oder ungewollt – nicht immer gleich ersichtlich ist, zu welchem Zeitpunkt sich das Gezeigte zuträgt. Insgesamt hilft es bei der Story, die auf wahren Begebenheiten beruht, schon enorm, wenn einem der historische Kontext nicht komplett fremd ist.

Ein anderer Punkt hierbei ist die im Vorfeld argwöhnisch betrachtete Computertechnik, mit der De Niro, Pesci und Co. digital verjüngt wurden. In “Der Pate II” war es bekanntlich noch De Niro selbst, der die junge Version von Marlon Brandos Don Vito Corleone mimen durfte. Zumindest in den Szenen von “The Irishman”, die den ganz jungen Frank Sheeran als Soldaten zeigen, wäre diese herkömmliche Variante wohl die bessere Entscheidung gewesen. Stattdessen stößt das digital glattgebügelte Antlitz des Oscarpreisträgers in diesen Momenten des Films doch arg ins so oft zitierte “Uncanny Valley” vor. Mit voranschreitender Laufzeit gewöhnt man sich aber an den mitunter künstlich wirkenden Anblick. Was zum nächsten Punkt führt.

Für schwache Blasen ungeeignet?

Sage und schreibe dreieinhalb Stunden Lebenszeit fordert Scorsese vom Publikum ein. Das ist noch einmal eine halbe Stunde mehr als bei “Casino” und gar eine Stunde länger als bei “Good Fellas”. Und so bietet sich in Bezug auf “The Irishman” nicht nur für Menschen mit schwacher Blase ein ungewöhnlicher Tipp an: Wer nur zwei Wochen wartet und einen Netflix-Account sein Eigen nennen darf, kann sich den über-überlangen Film im heimischen Wohnzimmer ansehen. Das große Kinoflair mag dadurch zwar entfallen, ein angenehmer Nebeneffekt könnte aber sein, dass die digital verjüngten Darsteller eine ganze Schippe überzeugender rüberkommen, als es ihr Anblick auf der großen Leinwand zulässt.

Denn sehenswert, das muss noch einmal betont werden, ist der Cast in jedwedem Alter – und somit auch der Film. Lange konnte ein Al Pacino nicht mehr mit so einer Spielfreude betrachtet werden. Und auch dürfte das Herz eines jeden De-Niro-Anhängers aufgehen, das Idol nicht in einer weiteren seicht-peinlichen Adam-Sandler-Produktion ertragen zu müssen. Besonders hervorzuheben ist aber Joe Pesci, der seine fast zehn Jahre lange Film-Abstinenz nicht gewohnt cholerisch, sondern ungewohnt gelassen beendet – und hoffentlich gekommen ist, um zu bleiben.

Fazit:

“The Irishman” von Martin Scorsese ist großes Kino und noch größeres Heimkino. Es ist eine feine Sache, dass Cineasten ohne Netflix die Gelegenheit bekommen, sich den Streifen auf der großen Leinwand ansehen zu können. Durch seine mitunter träge Erzählweise sind die dreieinhalb dargebotenen Stunden aber nicht nur kurzweilig. Und so könnte es sich für manch einen Zuschauer lohnen, die zwei Extrawochen zu warten, um “The Irishman” anzusehen.

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