Künstler im Lockdown berichten: Die Magie der Dunkelkammer

München – Beim ersten Lockdown hatte mich die bizarre Stille und ungewohnte Stimmung beflügelt, diesen besonderen Moment mit meiner Kamera festzuhalten. Münchens leer gefegte Plätze mitten am Tag werde ich nie vergessen. Dass ein Teil der arbeitenden Bevölkerung kollektiv ins Homeoffice geschickt wurde, wollte ich mir dann aber genauer vor Ort ansehen.

Dafür habe ich ungefähr 35 Menschen gleichermaßen ganz privat und doch im Dienst vor die Linse bekommen. Wenn die Arbeit plötzlich vom Küchentisch aus erledigt werden muss und Telefonkonferenzen unter dem Treppenabsatz stattfinden, schafft das eine Ausnahmesituation, der man sich erst einmal stellen muss und die ich unbedingt, natürlich mit Maske und dem geforderten Mindestabstand, festhalten wollte.

Diese Ausnahmesituation auch beim Fotografieren erzeugte dabei eine ungeheure Spannung zwischen Intimität und Distanz zu den Porträtierten. In Interviews habe ich dann versucht, jedem ein kurzes prägnantes Statement zu entlocken. Nun finde ich mich in einer merkwürdigen Situation wieder. Denn die gerade beschriebenen Homeoffice-Arbeiten, die in der Pasinger Fabrik zu besichtigen sind, sind ja nicht nur während des ersten Lockdowns im März entstanden, sondern thematisieren ihn auch. Und nun sind sie aufgrund des zweiten Lockdowns gar nicht mehr zu sehen. Quasi ein Lockdown des Lockdowns! Damit muss auch ich erst einmal umgehen.

“So viele verpasste Möglichkeiten”

Für mich ist dieser zweite Lockdown nicht nur deshalb etwas härter. Schließlich wird man sich jetzt im trüben November auch bewusst, wie viel Kraft das Jahr gekostet hat. Entscheidend trägt aber auch die Tatsache bei, dass rein finanziell gesehen die Lage für uns Soloselbständige immer problematischer wird. Zwar dürfte ich als Fotografin unter der Einhaltung der Hygienemaßnahmen wie Abstand halten und Tragen einer Schutzmaske professionell arbeiten, aber im Moment denken leider die wenigsten Unternehmen daran, einen Fotografen für ein Gruppenfoto oder andere Aufnahmen zu engagieren. Und selbst für mein gerade leerstehendes Fotostudio gibt es bisher keinen Interessenten, sich den Raum mit mir zu teilen.

Fotografieren hat für mich aber mit sozialen Kontakten, Begegnungen und Netzwerken zu tun. Und wenn nichts stattfindet, wird auch nichts fotografiert und es geht nichts weiter. Da steht gerade sehr viel still – so viele verpasste Möglichkeiten, Kontakte für zukünftige Projekte zu knüpfen. Da schwinden bei mir auch ein wenig die Hoffnungen fürs nächste Jahr, denn die Aufträge und entsprechenden Kontakte müssten eigentlich jetzt schon geknüpft werden.

Und klar könnte ich auch auf digitalen Plattformen wie Instagram meine Werke mehr präsentieren. Nur frage ich mich schon, wie man damit Geld verdienen soll. Denn wer zahlt denn für die Bilder, die ich hier umsonst zur Verfügung stelle? Für Likes kann ich mir wenig kaufen. Dass die Zukunft einer digitalen Werbeplattform für mich als Künstlerin immer wichtiger wird, steht aber außer Frage.

Fotografie: “Das will und kann ich nicht aufgeben”

Und wenn nun dieser Zustand der auch künstlerischen Einschränkung über den November hinaus anhält, mache ich mir um die Zukunft der kreativen selbständigen Berufe ernsthaft Sorgen. Denn wenn Kinder erleben, wie ihre freiberuflichen Eltern in eine finanziell prekäre Situation geraten, wollen sie später vielleicht nicht diesen so unsicheren wie aber auch bereichernden Beruf anstreben und lieber auf Nummer sicher gehen. Sorgen, die ich in meiner Jugend nie so geteilt habe.

In dieser für mich als Fotografin sicher nicht ganz einfachen Zeit fange ich aber nicht an, mich neuen Hobbys zu widmen oder gar umschulen zu lassen. Dafür bin ich einfach zu alt und außerdem habe ich mein ganzes Leben der professionellen Fotografie gewidmet, das will und kann ich nicht aufgeben. Diese Bedeutung der Fotografie für mein Leben habe ich in der letzten Ferienwoche noch einmal erleben dürfen.

Dunkelkammer: Zeitreise in die Vergangenheit

Eine Freundin von mir besitzt in Weßling unterm Dach nämlich alle Utensilien, die man für eine Dunkelkammer braucht. Und sie hat sich von mir gewünscht, dass ich ihr einmal zeige, wie man so eine Dunkelkammer aufbaut – dabei habe ich meine eigene vor 15 Jahren abgebaut. Dann haben wir tatsächlich diesen chemischen Prozess des Belichtens auf lichtempfindliches Silberfotopapier durchgezogen und im Entwickler dann das latente Bild produziert, sprich zwischengewässert, fixiert, aufgehängt und getrocknet.

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Das ist wahrlich ein langer Prozess, der sich vielleicht antiquiert nach Heimatmuseum anhört, für mich aber auch eine schöne Zeitreise in meine eigene Vergangenheit war. Und auch die vier Kinder meiner Freundin waren von diesem Prozess völlig fasziniert, weil sie so etwas wie wohl die meisten jungen Menschen noch nie live gesehen haben. Befreiend war für uns natürlich auch, dass am Ende alles geklappt hat, die Negative gut fixiert und selbst das alte Papier noch verwendbar waren.

“Fotografieren ist viel mehr als aufs iPhone drücken”

Diese Zeitreise war am Ende auch eine willkommene Abwechslung zu meiner derzeitigen, mühsameren Routine: das Aufräumen meines digitalen Fotoarchivs. Da kommt so viel an Bildmaterial zusammen, weil ich in einem Jahr digital etwa so viele Fotos produziere wie früher analog in zehn Jahren. Die Auswahl kann einen in den Wahnsinn treiben, weil aus diesem Fundus an Fotos für den Profi nur die wenigsten auch Qualität haben, während man den Rest besser schnell wegschmeißt oder nie wieder ansieht.

Hier kommen auch wieder das gute Auge und die Schnelligkeit des professionellen Fotografen ins Spiel. Im digitalen Zeitalter der Massenproduktion wird es immer schwieriger, das gute vom schlechten Bild zu unterscheiden. Ein Problem finde ich auch, dass wir uns die Bilder heute nur ganz klein auf dem Handy ansehen, früher wurden wir unterrichtet, sie auf 30 mal 40 Zentimeter zu betrachten, wo man sofort alle Schwachstellen erkennt.

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Und natürlich funktionieren die meisten dieser Amateurbilder, die sich auch schnell mit Filtern bearbeiten lassen, in diesem “Mäusekino” auf dem Handy. Doch diese Bilder sind nur für diesen Zweck perfekt, groß ziehen kann man sie aber leider meistens nicht. Und deshalb meine ich, dass vom eigentlichen Fotografieren immer weniger Menschen Ahnung haben, es wird einfach immer nur mit dem iPhone abgedrückt.

Was ich mir manchmal bei all diesen trüben Gedanken wünsche, wäre, wie ein Murmeltier in den Winterschlaf zu gehen. Sprich ganz sanft und entspannt die Augen zu schließen und Ende März, Anfang April einfach wieder aufzuwachen. Mit dem guten Gefühl, die Krise hinter sich gelassen zu haben und im Frühling mit frischen Kräften neu durchzustarten.

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