Mara Widmann im Corona-Lockdown: Die Sonne am Sonntag

Heute ist also Sonntag. Sonntag ist ein guter Tag. Sogar während Corona ist der Sonntag ein richtiger Sonntag, obwohl sonst die Tage verschwimmen und nur einzelne Termine wie leuchtende Inseln aus dem Einerlei herausbrechen. Aber heute scheint die Sonne und selbst die sonst nie zu sehende und äußerst gut aussehende Frau steht kurz auf dem Balkon gegenüber.

Ich gehe mit meinem Vater spazieren. Von Obergiesing den ganzen Weg bis nach Grünwald, bis hin zum Johannisbeer-Kuchen beim Konditor an der Hauptstraße, und dann wieder zurück. Auf dem Weg diskutieren wir über das, was ich hier schreiben könnte. Das Gespräch beginnt immer wieder von Neuem, weil wir den Radsportlern ausweichen müssen. Manchmal sprechen wir – spricht mein Vater – aber auch so laut, das uns die teuren Räder erschrocken ausweichen.

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Mara Widmann: Letzte Premiere war Ende September

Meine letzte Premiere war Ende September am Metropoltheater. Wir hatten das Glück, dass wir danach noch 14 Mal spielen konnten. Bis die Theater wieder schließen mussten. Ja, mussten. Ich glaube, das Hygienekonzept war ausgezeichnet. Ich habe mich zumindest sehr sicher gefühlt. Das Stück hieß “Ende einer Liebe”. Es ging darum, dass ein Mann sich von seiner Frau trennt und beide sich beim Sprechen noch mehr entlieben. Hoffentlich spielen wir das Stück bald wieder.

Ich vermisse das Theater. Wenn man sich den Alltag selber strukturieren muss, versucht man alles möglichst produktiv einzuteilen, so dass man die eigene Einsamkeit und Existenzangst nicht spürt: Sport, Lektüre, Arbeit, Entspannung. Aber selbst wenn man das mit herausragender Disziplin versucht, fühlt es sich doch irgendwie stumpf an.

Mara Widmann: “Theater birgt immer etwas Geheimnisvolles”

Genau deswegen vermisse ich das Theater. Es birgt immer etwas Geheimnisvolles: Es zeigt uns, dass man das Leben nicht völlig auserklären kann. Und wie geht man selber durch den Abend, wie ist die Kollegin, der Kollege drauf, und inwieweit entferne ich mich von mir selber und komme zu mir wieder zurück? Das sind alles Dinge, die schön sind, hässlich, nicht kontrollierbar.

Ich vermisse das Theater auch mit Sicht auf die Zuschauer, auf die eitlen und unsympathischen, die attraktiven, die lieben und die bösen, die ich beobachten darf. Ich vermisse den Streit, wo wir uns doch im echten Leben alle lieber immer ganz schnell einig sind.

Seit ich 14 bin, gehe ich ins Theater. Ich konnte mir das immer leisten. Und würde mir wünschen, dass das Theater noch viel mehr so ein Ort wäre wie eine Bibliothek (die ich gerade oft aufsuche), in der sich viel mehr Schichten kreuzen, in der jeder willkommen ist zum Verweilen, auch wenn er kein einziges speckiges Buch aus dem Regal zieht. Gerade in einer Stadt wie München, in der das Leben draußen so teuer ist und man scheinbar ohne Frisur nicht dazugehört, ist so eine Bibliothek sehr wichtig.

Mara Widmann: Ihr Fokus verlagert sich aufs Unterrichten

Ich weiß nicht, was jetzt im Theater zu tun ist. Vielleicht sollte man eine lange Pause einlegen. Vielleicht gibt es aber gerade jetzt viel zu tun: Nachdenken darüber, wie man langfristig sinnlich oder spröde sein Publikum erreicht, falls diese Corona-Welle tatsächlich nur eine schnelle Kostümanprobe vor der nächsten Katastrophe ist. Ich glaube, dass wir Kulturschaffenden nicht systemrelevant sind. Zumindest nicht für dieses System. Was zeigt, wie einseitig und wackelig es ist.

Während der Pandemie hat sich bei mir der Fokus vom Spielen auf das Unterrichten verlagert. Mit Schauspielstudenten aus dem zweiten Jahrgang der Theaterakademie August Everding erarbeite ich gerade eine Szene aus Shakespeares “Maß für Maß”. Das Stück wurde am 26. Dezember 1604 uraufgeführt, ein Jahr, nachdem Elisabeth die Erste gestorben war. Als Jakob der Erste auf den Thron stieg, wütete noch die Pest in England. Und auch damals wurden die Theater geschlossen, für ein ganzes Jahr.

Im Stück übergibt Herzog Vincentio seinem Stellvertreter Angelo das Zepter, um dessen Tugendhaftigkeit zu testen. Angelo soll harte Strafen durchführen, um bei der Bevölkerung eine Schockwirkung auszulösen (siehe heute…)

“Ich spüre diesen Druck, alles in diesem Leben schaffen zu müssen”

Bis Angelo an den Gesetzen scheitert, die er selbst verschärft hat. Isabella, eine junge Novizin, will ihren Bruder vor der Hinrichtung retten. Angelo fordert von ihr im Gegenzug, dass sie mit ihm schläft. Sie widersetzt sich aber der weltlichen Macht.

So religiös wie Isabella bin ich nicht. Aber ich spüre eine ähnliche Ohnmacht, ich spüre diesen Druck, alles in diesem Leben schaffen zu müssen. Obwohl gerade das Sparbuch und die Hoffnung schrumpfen. Man muss gut und erfolgreich sein. Am besten alles. Und flexibel.

Und man soll arbeiten. Immer wieder arbeiten. Wenn man hin und wieder, für längere oder kürzere Zeit, zum nicht-arbeitenden, zum “arbeitslosen” Teil der Bevölkerung gehört, löst das ungeheuren Stress bei einem aus, seltsamerweise vergleichbar mit dem Stress, den man als Ensemblemitglied an einem Theater mit 120 Vorstellungen und mindestens fünf Premieren pro Jahr hat. Dazu kommen die ganzen mitleidigen Blicke. Und die Ratschläge. Man solle doch mal sein “Mind-Set” ändern…

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Mara Widmann: “Jetzt fällt mir nur noch die Flucht ein”

Ich glaube, dass fast niemand gerne in dieser Situation ist. Und ich hoffe, dass wir nach dieser Krise aufmerksamer auf die blicken, die anscheinend “am Rand der Gesellschaft” leben. Weil wir merken, wie schnell das jedem von uns passieren kann. Hoffentlich holen wir sie dann in unsere Mitte, anstatt noch weiter Essensgeld zu kürzen und Anträge komplizierter zu machen. Ich habe gerade “Die Elenden” von Anna Mayr gelesen, ein wunderbares Buch, in dem sie auf eindringliche Weise ihre eigene Geschichte und die Geschichte der Hartz-IV-Reformen beschreibt. Sehr zu empfehlen.

Jetzt fällt mir nur noch die Flucht ein, der luxuriöse Perspektivwechsel durch eine Fernreise. Aber Surfen in Portugal, Meditieren in England, Reiten auf Island … das geht ja gerade auch nicht mehr. Also gehe ich in den Wald. Oder denke zu Hause an ein Gedicht von Emily Dickinson:

Ich plünderte die Wälder –
Die vertrauenden Wälder.
Die arglosen Bäume
Nahm ihre Nüsse und Moose
Ganz wie es mir gefiel.
Ich prüfte ihren Putz –
Ich griff – ich trug hinweg –
Was wird die feierliche Tanne – Was wird der Eichbaum sagen?

Mara Widmann: Deshalb war es ein guter Sonntag

Diese wöchentlichen Spaziergänge und Gespräche – das ist das Schönste, was es gerade für mich gibt. Ich habe heute von meinem Vater lauter kleine Sachen erfahren, die ich mir unbedingt merken will. Meine Oma mochte zum Beispiel Radfahren nicht und ist deshalb lieber zu Hause geblieben, wenn der Rest der Familie in den Fünfzigern zum Starnberger See geradelt ist. Und sie hat als Kind einem Münchner Bierkutscher in die Hand gebissen, weil der sein Pferd vor ihren Augen auspeitschte. Das war ein guter Sonntag. Es gab eine Handvoll Liebe und abends gab es noch Nudeln und TV.

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