Mit Sicherheit  kein Historienschinken

Regisseur Olivier Tambosi istüberzeugt, dass „Nero“ die Kraft hat, die Menschen zu berühren.

„Ich kenne vieleOpern, aber keine weitere, die eine derart lange, intensiveEntstehungsgeschichte hat wie ,Nero‘ von Arrigo Boito“, hält Olivier Tambosigleich einmal fest. Der österreichische Regisseur hat im Sommer 2016 bei denBregenzer Festspielen die Oper „Hamlet“ von Franco Faccio inszeniert sowie einJahr später die Uraufführung von „To the Lighthouse“ von Zesses Seglias. DasPublikum in der Region kennt ihn somit als Regisseur für das Besondere. Bei„Hamlet“ bzw. „Amleto“ handelte es sich um die erste europäische Aufführung desWerks seit dem Jahr 1871. Boito (1842-1918), der auch den Text für Verdis„Othello“ und „Falstaff“ verfasste, schrieb das Libretto für dieses erst voreinigen Jahren wiederentdeckte Werk. „Mefistofele“, die einzige vollendete Operdes hochgebildeten Schriftstellers und Komponisten, kommt ab und zu auf dieSpielpläne, „Nero“, das Werk, an dem er ab den frühen 1860er-Jahren arbeitete,wurde erst nach seinem Tod, nämlich im Mai 1924, bearbeitet von AntonioSmareglia, Vittorio Tommasini und Arturo Toscanini, an der Mailänder Scalauraufgeführt. Nach einigen Aufführungen in Italien blieb das Werk so etwas wieein Geheimtipp,  sozusagen in der Dateider unvollendeten Werke, obwohl Boito nach Fertigstellung des vierten Aktesselbst festhielt, dass hier seine Arbeit ende. Zumindest kompositorisch, dennein Text zum fünften Akt ist vorhanden.

Tambosi: „Wir spielendie Fassung, die Boito sanktioniert hat. Seine Instrumentierungsvorgaben könnenwir nicht mehr im Detail nachvollziehen, wir wissen aber, dass Toscanini einakribischer Diener jener Werke war, die er aufgeführt hat. Ich kann mir nichtvorstellen, dass er auch nur ein Jota hinzugefügt hat, das Boito nichtentspricht.“

„Ein einziger Tatort“

DieOper „Nero“ ausgerechnet in Bregenz aufzuführen, das hat etwas, obwohl keinHistorienschinken zu befürchten ist. Spuren der Römer sind nicht nur im Namen,sondern auch im Stadtbild des ehemaligen Brigantium vorhanden. Auch ein Theaterlässt sich nachweisen. Die Regentschaft des römischen Kaisers im 1.Jahrhundert, dem die Historiker Verschiedenes zugeschrieben haben, istallerdings kaum Thema des Werks. „Als Opernregisseur bin ich nicht daraninteressiert, die Wahrheit über den Kaiser von Rom herauszufinden, meineAufgabe ist es, zu erkunden, welche Figur Boito geschaffen hat“, erklärtTambosi. Hierzu liefere auch der Text des fünften Aktes, der im Programmheftabgedruckt wird, gute Angaben, weil er in Neros Theater führe, in dem dieserden Orest spiele. Womit man beim Kernthema sei. Während Orest nämlich von denGöttern den Auftrag bekam, seine Mutter Klytämnestra umzubringen, kreist dieOper um den Mord Neros an Agrippina. „Ich glaube, das Stück ist ein einzigerTatort. Wir sind in einer Zeit, in der das Ödipale spannend wird, in der die sexuelleKomponente des Mutter-Sohn-Verhältnisses in Kunstwerken auftaucht. Unser Neroagiert so, als hätte er seine Mutter gerade kurz vor Beginn der Opereigenhändig ermordet. Er versucht sich reinzuwaschen.“

Ausder Geschichte ist ein Machtkampf zwischen Mutter und Sohn bekannt, erkennenwir das Motiv dieses Muttermordes in der Oper? „Nein“, sagt Tambosi, Boito habe sich aber mit Literatur beschäftigt, inder die Schönheit des Grauens thematisiert wird. Er habe sich auch mit denPhänomenen der Macht beschäftigt, etwa, dass jemand Menschen sterben lässt, ummit dem Vorgang konfrontiert zu sein. „Damit will ich Boito selbstverständlichnicht unterstellen, dass er ein Sadist gewesen ist.“

„Eine wunderbare Besetzung“

Olivier Tambosibezeichnet sich als Regisseur, der nicht mit einem fertigen Raster zur Probekommt. „Bei mir läuft das so, dass ich mit den Darstellern spreche, manchmalkommt auch etwas von ihnen zurück. Wir haben eine wunderbare Besetzungausgesucht, man braucht Stimmen mit nahezu unmenschlichen Tonumfängen, weil die Extrem­zustände, die Boito schildert ineine Hochdramatik hineingeführt werden.“ Rafael Rojas übernimmt die Titelpartie, Lucio Gallo singt den SimonMago, Brett Polegato ist Fanuèl, Svetlana Aksenova die Asteria und Alessandra Volpe die Rubria.

Der Muttermord istsomit die Handlungsklammer im Stück, in dem Vertreter verschiedener Religionen,der römischen, des frühen Christentums und einer agnostischen Sekte auftreten.„Nero bestimmt sich daraus, was die anderen Figuren machen. Man kann nichtsagen, Nero ist die gigantische Hauptrolle. Für mich ist jeder Nero, das istalles eine Welt, die im Kopf von Nero ist.“

Boitozeige uns mit Nero auch einen Menschen des 19. Jahrhunderts, der sich wiePhilosophen und Künstler der Zeit mit Fragen der Moral und mit Wertenbeschäftigt, auf die sich unser Handeln ausrichtet.  Tambosi: „Wir sind irgendwo zwischen 1870 und1920 verankert, aber auch das ist nichts, wo ich mit dem Finger draufzeige. Ichbin interessiert daran, dass der Zuschauer sich selbst und in seinen Abgründenwieder erkennt.“

Eine Traumpartie

Die Mechanismen desOpernbetriebs lassen es kaum zu, dass Werke wie „Nero“ öfter aufgeführt werden.Tambosi vertritt die Ansicht, dass gerade das Aufgabe von Festspielen ist under geht davon aus, dass Boitos „Nero“ sicher nicht vergessen wird. „So wie esimmer wieder Werke gibt, die alle im Hinterkopf haben, Domingo wollte den Nerosingen, José Cura bezeichnete ihn als Traumpartie.“ Er glaube jedenfalls, dassdas Stück die Kraft hat, die Menschen zu berühren. Sonst würde er sich nichtdarum bemühen.

Als er in Opernkreisen davon sprach, dass er „Hamlet“ von Franco Faccio in Bregenz inszeniert, sei man begeistert gewesen. Es gab sogar Überlegungen, die Produktion in New York zu zeigen, unter Umständen auf einer Freilichtbühne. Das Theater in Chemnitz hatte dann die Produktion aus Bregenz übernommen und mit großem Erfolg gezeigt. „Irgendjemand wird auch Interesse an ,Nero‘ haben. Ich habe schon gehört, dass er eventuell nachinszeniert wird – von uns angeregt.“

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