Philharmonie: Hans Sachs in Russland

Tonlos flüstert er die letzten Worte des ersten Liedes, eher aufrüttelnd als bedrohlich, den Schluss des zweiten Liedes lässt er gewaltig, aber nicht gewaltsam in die Leere der Philharmonie hinein erschallen, und am Ende des vierten und letzten Liedes steht keine erbarmungslose Verdammung, wohl aber eine eindringliche Ermahnung.

Wenn Michael Volle die “Lieder und Tänze des Todes” von Modest Mussorgsky singt, erinnert er eher an einen weisen Hans Sachs als an einen tragischen Boris Godunow – den er übrigens ebenfalls im Repertoire hat. Wohlgemerkt passt diese lyrische Person, wie sie der Bassbariton entwirft, ebenso gut zu diesen Liedern wie die dämonischeren Züge, die manche bassistischen Kollegen hier zeigen.

Ein Sänger auf dem Zenit seines Könnens

Michael Volles kraftvolle Stimme ist konturiert, aber ohne jede Schärfe, makellos glatt an der Oberfläche. Er kann alle Register voll aussingen, bis hinab in die selten stabile Tiefe. Und es ist geradezu meisterlich – da ist er wieder, der Hans Sachs! -, wie er mit langem Atem weitgeschwungene ariose und deklamierende Phrasen aufbaut. Hier ist ein Sänger auf dem Zenit seines Könnens.

Mit den Münchner Philharmonikern bringt Valery Gergiev eine ebenbürtige Sprachnähe in die Orchesterbegleitung. Er versteht es deutlich zu machen, dass die Instrumentierung von Dmitri Schostakowitsch diesen Gesängen nicht nur eine Kulisse bietet, sondern gleichsam eigene Anmerkungen macht, wenn die Streicher bleich und kalt, aber doch nicht hässlich grundieren, spitz die Klarinetten pieksen oder die Hörner unheilvolle Prophezeiungen machen.

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In Schostakowitschs Symphonie Nr. 9 Es-Dur geht es gleich weiter mit den musikalischen Bildern. Doch auch hier erscheinen der makabre Trauerrand, den die Streicher ziehen, die unterdrückte Hysterie der Klarinetten oder die wie ein Revolutionär voranmarschierende Trompete im Finale, wie von selbst, in großer Natürlichkeit, werden nicht etwa forciert oder ironisch verzerrt.

Dadurch stellt sich in diesem bereits im Dezember produzierten Konzertvideo etwas ein, was symphonischen Schostakowitsch-Interpretationen nur äußerst selten vergönnt ist: Heiterkeit. Valery Gergiev nimmt Schostakowitsch ernst, er glaubt ihm, selbst, wenn er sich, wie hier, einmal gut gelaunt gibt. Bedrohliches gibt es bei diesem Komponisten auch so immer noch genug.

Das Video kann man noch bis zum 16. Januar auf mphil.de/stream ansehen.

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