Zum Tod von Anneliese Friedmann: Kämpferin mit Stil

München – Sie brauchte kein Binnensternchen für ihr Selbstbewusstsein und bestand schon seit Jahrzehnten auf die Bezeichnung “der Verleger”: Im Alter von 93 Jahren ist am Samstag Anneliese Friedmann gestorben, sie war bis 2014 Herausgeberin der Abendzeitung und zusammen mit ihrem Sohn Johannes bis zuletzt Mitgesellschafterin der “Süddeutschen Zeitung”.

Die am 30. Mai in Kirchseeon geborene Journalistin wuchs in Freising auf und studierte Kunstgeschichte und Theaterkritik an der Universität München. 1947 besuchte sie den Journalistenkurs von Otto Groth, wo der Mitbegründer der “Süddeutschen Zeitung”, Werner Friedmann, Lokaljournalismus unterrichtete. Nach einjähriger Ausbildung wurde sie als einzige weibliche Volontärin von der “Süddeutschen Zeitung” übernommen. 1951 heiratete sie Werner Friedmann. Bis 1960 gehörte sie der Redaktion an, wo sie unter anderem das Modejournal leitete und unter dem Pseudonym “Sibylle” eine Kolumne schrieb. 1969 trat sie nach dem Tod ihres Mannes in den Kreis der Gesellschafter des Süddeutschen Verlages ein, in dem die “Süddeutsche Zeitung” erscheint.

Als “Sibylle” im Stern

Von 1960 bis 1970 hatte sie unter ihrem Pseudonym “Sibylle” eine Kolumne in der Illustrierten “Stern” von Henri Nannen, allerdings ganzseitig mit Bild. Wiederholt verfasste sie hierbei auch kritische Beiträge – so setzte sie sich auch zu Beginn der 70er Jahren an die Spitze eines Kampfes für das Recht auf Abtreibung: 1971 schrieb der “Stern” Pressegeschichte mit dem legendären Titel “Wir haben abgetrieben” mit den Bildern von prominenten Frauen.

Anneliese Friedmann veröffentlichte in der AZ einen eigenen Kommentar zum Thema. Dabei kritisierte sie die Diskrepanz zwischen einem patriarchalischen Gesetz und der Realität. Es ginge nicht um “eine Kampagne gegen das Kinderkriegen”, sondern um ein “Auflehnen gegen einen Paragraphen der Unmenschlichkeit und Unwürdigkeit”. Eindringlich schrieb Friedmann über die “Hölle von Verzweiflung, Angst, Schuldgefühl, Einsamkeit, Leere”, die eine Abtreibung für eine Frau bedeute, auch ohne dass diese sich zusätzlich eines Vergehens strafbar machen müsse. Ihren Kommentar schloss sie mit dem Geständnis: “Ich weiß, wovon ich rede. Auch ich habe abgetrieben.” Anneliese Friedmanns Kommentar wurde zwei Wochen später im “Stern” noch einmal in voller Länge veröffentlicht.

Der Kultur bis zuletzt verbunden

Anneliese Friedmanns Herz gehörte vor allem gesellschaftlichen Anliegen und der Kultur. Legendär waren die Feste in ihrem Haus in Harlaching. Drei Mal jährlich lud sie zur “Suppe”, im Sommer zum großen Gartenfest. Dass die Schauspieler und Intendanten der großen Bühnen Münchens Stammgäste waren, hatte einen einfachen Grund: Anneliese Friedmann liebte die Oper und das Theater und ließ bis ins hohe Alter kaum eine Premiere aus.

Bundesweit bekannt wurde Anneliese Friedmann auch als Vorbild für Helmut Dietls Fernsehserie “Kir Royal”, in der es um das Leben einer Boulevardzeitungs-Verlegerin und eines Klatschreporters in der Münchner Schickeria der 80er Jahre geht. Ein Ruhm, auf den sie gerne verzichtet hätte, denn sie fühlte sich durch die Darstellung von Ruth Maria Kubitschek keineswegs nur geehrt.

1998 erhielt sie den nur alle drei Jahre vergebenen Publizistikpreis der Landeshauptstadt München, 2013 folgte der Henri-Nannen-Preis für ihr Lebenswerk. Im Jahr 2014 zog sich die Familie Friedmann als AZ-Verleger zurück, woraufhin die Abendzeitung Insolvenz anmelden musste. Der Straubinger Verleger Martin Balle übernahm die Marke daraufhin und wagte mit der AZ einen erfolgreichen Neustart. 

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