Nicole: Jendrik "hat große Chancen, weit zu kommen"
  • Vor fast vier Jahrzehnten holte Nicole mit “Ein bisschen Frieden” erstmals den “ESC”-Titel nach Deutschland.
  • Am kommenden Samstag möchte Jendrik die schwarz-rot-goldene Fahne in Rotterdam hochhalten – ebenfalls mit einer Friedensbotschaft im Gepäck.
  • Im Interview hat die erste deutsche “Grand Prix”-Siegerin Nicole die Chancen des 26-Jährigen analysiert und über ihre Pläne für ihr 40-jähriges “Eurovision”-Jubiläum gesprochen.

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Nicole, 2022 jährt sich dein Grand-Prix-Sieg bereits zum 40. Mal. Wie betroffen macht es dich, nicht zuletzt mit Blick auf den aktuellen Israel-Gaza-Konflikt, dass dein Wunsch nach ein bisschen Frieden nicht in Erfüllung gegangen ist?

Nicole: Das macht mich natürlich sehr betroffen. Es zeigt aber auch, dass dieser Wunsch nach Frieden in den Herzen der Menschen ungebrochen ist. Kriege wird es leider immer geben – ebenso wie die unzähligen Menschen und vor allem die Kinder, die darunter leiden müssen. Diese Botschaft hinter dem Lied “Ein bisschen Frieden” wird ihre Aktualität vermutlich niemals verlieren.

Du wirst nie müde, diese Botschaft in die Welt hinauszuschicken. Damit das weiterhin möglich ist, braucht es allerdings Auftritte vor Publikum. Wie gehen die Planungen voran?

Natürlich mussten viele Termine abgesagt werden – sowohl von Seiten der Veranstalter als auch von meiner Seite aus. Einige Ideen konnte man meiner Ansicht nach so nicht umsetzen. Wir müssen sicher sein. Daher gilt für mich das Motto: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben! So langsam sehen wir wieder Licht am Horizont. Dennoch glaube ich, dass in diesem Jahr nicht mehr viel möglich sein wird.

Konzentrierst du dich vorrangig auf 2022, also auf das Jahr deines 40-jährigen “ESC”-Jubiläums?
Genau, das habe ich ins Auge gefasst. Ich möchte nächstes Jahr die “40” feiern! Und da liegt es doch gar nicht so fern, ein Album im heutigen Gewand aufzunehmen – natürlich mit einer gut abgemischten Version von “Ein bisschen Frieden”.

Darüber hinaus hatte ich einige Hits, die perfekt passen würden – angefangen mit “Flieg’ nicht so hoch, meiner kleiner Freund” bis hin zu “Papillon”. Wir werden die Songs zwar dem heutigen Sound anpassen, die Titel aber auf keinen Fall entfremden. Ein gutes Lied bleibt ein gutes Lied.

Sind auch Duette geplant?

Ausgeschlossen ist das nicht, wenngleich ich nie als Duett-Tante abgestempelt werden wollte. Daher habe ich mir meine jeweiligen Duett-Partner immer sorgfältig ausgesucht. Man erinnere sich an Johnny Logan, die Olsen Brothers, Heinz Rudolf Kunze oder Chris Thompson. Das sind Größen, zu denen man aufschauen kann.

Am Samstag geht Jendrik Sigwart für Deutschland beim “Eurovision Song Contest” ins Rennen, der mit “I Don’t Feel Hate” ebenfalls eine Friedensbotschaft verbreiten möchte. Erinnert er dich an deine eigene Teilnahme 1982?

Thematisch gesehen auf jeden Fall. Ich habe ihn gleich gegoogelt und mich schlau gemacht. Seinen Song halte ich für sehr erfrischend. Und das Wichtigste: Ich hatte Jendriks Lied nur einmal gehört und konnte es sofort nachsingen. Das passiert mir selten.

Hinzu kommt seine großartige Aussage, keinen Hass zu verspüren (“I don’t feel hate, I just feel sorry”). Dieser “ESC”-Song ist im Prinzip eine neue und sehr stimmige “Ein bisschen Frieden”-Version. Ich drücke ihm ganz fest die Daumen.

Deutschlands Song für den ESC 2021: Jendrik Sigwart mit "I don´t feel hate"

Die Botschaft von “I Don’t Feel Hate” geht ja noch weiter. Würdest du dir auch in den sozialen Medien ein bisschen mehr Frieden wünschen?

Ja, denn ich finde es schrecklich, welche Äußerungen Menschen in den sozialen Medien teilweise tätigen. Am schlimmsten ist es, wenn sie sich dazu nicht bekennen und unter dem Deckmantel der Anonymität hinausposaunen. Das ist schlichtweg feige. Ich verurteile das zutiefst. Diese Art des Mobbings hat für die Opfer schlimme Folgen, bis hin zum Suizid. Das darf man niemals dulden.

Jendrik sagt sinngemäß, dass Hass für ihn ein Fremdwort ist …

Richtig. Ich finde es beachtlich, dass mit Jendrik ein junger Mann daherkommt, der Partei ergreift. Er lässt sich davon nicht beeindrucken, weil er eben keinen Hass spürt. Er ist ein großes Vorbild und ich hoffe, dass die Kommentatoren in den jeweiligen Ländern genau auf diesen Aspekt eingehen. Denn dann wird er gehört und hat große Chancen, weit zu kommen, um seine Botschaft weltweit zu verbreiten.

Verfolgst du diesen jährlichen Contest nach wie vor mit großer Begeisterung oder bist du etwas “ESC”-müde geworden?

Die Begeisterung ist nach wie vor da, ich schaue mir die Eurovision jedes Jahr an. Wenn man einmal infiziert ist, kommt man davon nicht mehr los. Zudem kenne ich natürlich die ganzen Abläufe, auch wenn sie sich über die Jahre leicht verändert haben.

Auch die Digitalisierung hat Einfluss auf die Auftritte und Showeinlagen genommen. Eines wird sich jedoch niemals ändern: Du musst in diesen drei Minuten auf der Bühne überzeugen können – Digitalisierung hin oder her.

2019 hatten die Teilnehmer*innen einen Vorteil: Sie waren allesamt gesanglich besser als Madonna, die als Gaststar aufgetreten ist …

(lacht) Das war wirklich unsäglich, ich wäre fast vom Hocker gefallen. Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass eine so erfolgreiche Sängerin nicht einen einzigen Ton trifft. Beim zweiten Titel wurde dann reagiert und ein Vollplayback eingeschoben. Dieser Madonna-Auftritt war der Beweis, dass Weltstars unbekanntere Künstler nicht mal eben in die Tasche stecken können. Im Gegenteil: Jeder, der auf der Bühne stand, hat um Längen besser gesungen.

Würdest du dir wünschen, dass deutsche Beiträge wieder vermehrt in der Muttersprache gesungen werden? Zuletzt traute sich das Roger Cicero 2007, der mit “Frauen regieren die Welt” allerdings nur 17. wurde.

Das ist es eben, das ist der Wandel der Zeit. Zudem kann ich mich nur wiederholen: Man hat nur diese drei Minuten Zeit, um Europa von sich zu überzeugen – und das fällt mit diesen Songs, gesungen in der Weltsprache Nummer eins, nun mal leichter. Englisch ist weich und klingt oft besser.

Daher gewinnt heutzutage auch mal Finnland, Russland oder eine Nation aus den Balkan-Staaten. Man muss das akzeptieren, auch wenn ich zum Beispiel gerne ein französisches Chanson hören würde. Nicht ohne Grund hieß der “ESC” früher “Grand Prix d’ Eurovision de la Chanson” – das ist der Ursprung. Es gibt Titel, die eben nur in der Muttersprache schön klingen.

Hast du den von Stefan Raab ins Leben gerufenen “Free ESC” verfolgt? Braucht es diesen Alternativ-Wettbewerb wirklich?

Meiner Meinung braucht es so etwas nicht. Das wäre ja so, als würde eine Woche vor einem Formel-1-Rennen ein Second-Hand-Grand-Prix stattfinden. Warum sollte ich an einem solchen Wettbewerb teilnehmen, wenn es doch das Original gibt? Den “Eurovision Song Contest” gibt es seit 1956, er ist Kult. Und da will man doch hin …

Und du willst nach der Corona-Pause dringend zurück auf die Bühne?

Natürlich. Corona hat aber auch dazu geführt, dass ich in mich gehen und lernen konnte, ohne Druck zu arbeiten. Es ist egal, ob ich im Herbst oder im Frühjahr ein Album herausbringe. Ich bin weit davon entfernt, Corona etwas Positives abzugewinnen, doch rückblickend habe ich zumindest nichts vermisst, sondern Dinge erledigt, die ich immer vor mir hergeschoben habe – von Renovierungsarbeiten bis hin zum Ausräumen von Kleiderschränken.

Darüber hinaus habe ich mir die Zeit genommen, Freundschaften wieder aufleben zu lassen. Allen Menschen, die immer auf der Überholspur gelebt haben, wurde die Handbremse gezogen. Es ist allerdings langsam an der Zeit, dass diese wieder gelöst wird. Ich für meinen Teil möchte unbedingt wieder auf die Bühne und die unmittelbare Resonanz vom Publikum bekommen.

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