"Wir haben eine Lösung, aber Jens Spahn ruft nicht zurück"

Rapper Smudo von den Fantastischen Vier wünscht sich zum Fest einen Rückruf von Gesundheitsminister Jens Spahn. Es geht um eine App, die in der Corona-Krise eine große Hilfe sein könnte.

Konzertkarten sind normalerweise ein Klassiker als Weihnachtsgeschenk. In diesem Jahr lagen sie aber wohl unter wenigen Bäumen. Die Unsicherheit ist vielen Menschen in der Corona-Pandemie zu groß. 

Rapper Michael “Smudo” Schmidt (52) von den Fantastischen Vier glaubt: Veranstaltungen oder auch Kneipenbesuche und private Feiern könnten trotz der Virus-Krise risikoärmer durchgeführt werden. Ein Gespräch über Weihnachten, die Kulturbranche und eine App, die Normalität zurückbringen soll und an der er beteiligt ist.

t-online: Mediziner haben fast gefleht, dass die Menschen über Weihnachten möglichst wenig Kontakte haben. Wie ist das bei Ihnen?

Smudo: Meine Frau und ich haben drei Kinder, wir haben also rein mengenmäßig ein ausreichend besetztes Weihnachten. Mit den Omas und Opas wird geskypt. Die leben aber auch in anderen Städten, auf das allfällige “Reinschneien” von Nachbarn oder Hausfreunden über die Feiertage werden wir wohl bedauerlicherweise verzichten müssen. 

Gab es bei Familie Schmidt Konzerttickets als Geschenk unterm Baum zu finden?

Nicht, dass wir nicht gelegentlich auf Konzerte gehen. Aber als Weihnachtsüberraschung hat das ähnlichen Charme, als wenn ein Gastronom seinen Kindern einen Restaurantabend schenkt. Unsere Kinder sind keine großen Konzertgänger. Ich habe aber an der Pinnwand Karten hängen, deren Einlösung noch aussteht. Mein Lieblingscomedian, der Amerikaner Louis CK, wäre dieses Jahr nach Berlin gekommen. Egal wann, ich werde dorthin gehen, und so lange hängen die Karten hier. Als Symbol der Hoffnung. 

Für die Weihnachtsshow “Frohes Fest” standen Michael “Michi” Beck, Thomas D(ürr), Andreas  “And.Ypsilon” Rieke, Michael “Smudo” Schmidt und Band gerade gemeinsam auf der Bühne – vorher alle getestet.

Wie sahen denn Ihre Grüße an diesem Weihnachten aus? Was wünscht man 2020 Kollegen und Freunden?

Ich wünsche uns und meinen Fanta- wie auch Musikerkollegen tatsächlich in diesem Jahr Gesundheit, und das meine ich global. Wir alle sind der Wirt für dieses Virus, und dementsprechend wünsche ich immer “Gute Besserung”. Vorher gibt es aber immer ein Gespräch mit vielen traurigen Geschichten. Die Einschläge kommen näher. Immer mehr kennen mindestens jemanden, der einen kennt, der erkrankt ist. Vereinzelt tragisch. Und wirklich jeder hat etwas über wirtschaftliche Katastrophen oder zwischenmenschliche Tristesse zu berichten.

Aber es ist zumindest die Hoffnung da, dass ab Sommer wieder größere Konzerte stattfinden könnten? 

Hoffnung sicher. Aber wann es wirklich wieder möglich sein wird, eng an eng bei Konzerten im Publikum abzugehen, wage ich mir noch nicht einmal im Traum auszumalen. Ich denke aber, es wird künftig Methoden geben müssen, die unter Hygienemaßnahmen durchführbar und finanzierbar sind. Die nun einsetzenden Impfungen sind sicher hilfreich. 

Und in ein Konzert kommt, wer einen Impfnachweis bei der Ticketkontrolle vorzeigt?

Das wäre erstens nicht fair und zweitens nicht realistisch. Es muss schon einiges an Jahren und Impf-Generationen vergehen, bis Corona ausgerottet wäre. Über die Zeit werden Therapiemöglichkeiten und Impfniveau Covid-19 den Schrecken nehmen. Ich gehe aber davon aus,  dass uns die Hygienemaßnahmen noch deutlich länger als ein Jahr begleiten werden. Alles in allem glaube ich, dass ein Mix aus Impfungen, Hygienemaßnahmen, Schnelltests und Cluster-Tracing-Software uns den Weg in eine recht komfortable neue Normalität ermöglichen können. Ich setze große Hoffnung in unser Luca-Projekt, weil es die Gesundheitsämter nachhaltig entlasten kann. 

Und auch schon im Einsatz ist.

Ja, Luca ist in Jena bereits als Modell an den Start gegangen. Die Dokumentationspflichten werden digitalisiert, und die Erfassung und Übermittlung der Kontaktdaten wird ganz einfach. Lückenlose Nachverfolgung funktioniert, Infektionsketten lassen sich schnell stoppen und Kontaktpersonen im Infektionsfall benachrichtigen. 

Das könnten etwa die Besucher eines Konzerts der Fantas sein ..?

Wir denken natürlich an die Veranstaltungsbranche. Aber bis zu unseren Konzerten ist es noch lange hin, es kann so viel passieren. Durch Luca könnte vielleicht die Obergrenze von Konzertbesuchern heraufgesetzt werden. Im Sommer war da mal von nur 1.000 Besuchern die Rede. Das haben wir aber nicht vordringlich im Sinn. Konzerte sind für uns wichtig, aber nur eine kleine Facette von Luca und im Alltag der meisten Menschen. Für viele Bereiche des Lebens brauchen wir viel früher Lösungen. Es geht um mehr, um das kulturelle öffentliche Leben allgemein, wie zum Beispiel in der Gastronomie…

…wo oft Zettel mit Namenslisten ausgefüllt werden mussten…

Die Zettelwirtschaft ist doch von vorgestern. Bei Luca checkt man mit einem fälschungssicheren, weil alle zehn Minuten geänderten QR-Code ein und …

QR-Code scannen beim Einchecken – das gibt es aber auch schon. 

Mit der Erfassung hört es ja nicht auf! Bisher muss das Gesundheitsamt auf ein PDF oder eine Excel-Datei hoffen vom Gastgeber mit Daten, die ebenso händisch erfasst werden müssen wie zahllose von Gästen ausgefüllte Zettel, und denen muss dann mühsam hinterhertelefoniert werden. So etwas entlastet doch niemanden! Bei Luca kommt direkt über die App die Nachricht an andere Gäste, die zum gleichen Zeitpunkt wie der Infizierte in der Spielstätte oder in der Kneipe waren. Schnell und direkt an das Gesundheitsamt angebunden. 

Und der Datenschutz?

So wie es bisher lief, mit Zetteln und handgedengelten Apps, liegen die Daten im Restaurant oder beim App-Betreiber. Bei uns liegen sie dezentral verschlüsselt und für niemanden lesbar in den Einzelgeräten. Ich finde es haarsträubend, dass jetzt mancherorts, auch in der Politik, von Aufweichung des Datenschutzes fabuliert wird, um die Pandemie zu bekämpfen. 

Wie läuft es denn konkret anders, wenn Luca im Einsatz ist?

Bei einem Infektionsfall wird der Betroffene vom Gesundheitsamt gebeten, seine Historie von Check-Ins mit der Behörde zu teilen. Das Gesundheitsamt informiert dann alle Gastgeber und Veranstalter und bittet sie, die QR-Codes der Besucher im Luca-System freizugeben. Nur das Gesundheitsamt kann die entschlüsseln und dann andere Gäste direkt über die App informieren, wenn für sie laut deren Check-In-Historie ein Risiko besteht.

Sind die Fantastischen Vier jetzt unter die Entwickler gegangen?

Ich bin ein alter Computergeek, da sind mir solche Software-Entwicklungen instinktiv sympathisch, und als Band sind wir immer schon an innovativen Projekten interessiert. Aber die Entwickler sind von neXenio, einem Spin-Off aus dem Hasso-Plattner-Institut. Die haben mit der Bundesdruckerei und dem Fraunhofer Institut zusammengearbeitet. Kennengelernt haben wir uns über einen gemeinsamen Bekannten, der auch Kulturschaffender ist. Wir sind seitdem begeistert von der Idee und fungieren als Botschafter.

Und alle machen das nur aus Liebe zur Kultur?

Ich weiß, dass das womöglich romantisch klingt, aber die Antwort ist im Kern “Ja”. Uns allen geht es vor allem erstmal darum, dass das kulturelle Geschehen nicht weiter abschmiert. Weil die bisherigen Methoden so ineffizient sind, müssen wir uns von Lockdown zu Lockdown hangeln. Ich verstehe mich da als Mitmachaktivist und handele nach dem Motto “Mitdenken ist besser als Querdenken”. Wir verkaufen keine überteuerten T-Shirts ohne Gegenleistung, sondern ein funktionierendes sicheres Entlastungstool, das Einrichtung und Betrieb kostet. Das öffentliche Leben wieder stärker in Gang zu bringen, sollte dem Staat auch etwas wert sein und amortisiert sich vielfach. Für User und Gastgeber wird es kostenfrei sein. Sonst ergibt es ja keinen Sinn. 

Aber von den Gesundheitsämtern heißt es, dass sie zum Teil noch faxen? Die sollen in Deutschland mal eben eine neue Schnittstelle einsetzen?

Der Einrichtungsaufwand liegt unter fünf Stunden. Die meisten Gesundheitsämter haben doch auch EDV. Ich denke, die Faxer haben in der Pandemie ohnehin schlechte Karten. Aktuell wird auch an der Einführung eines digitalen Standards gearbeitet. Ich glaube, die Sorge um die Faxer können wir uns sehr bald schenken. 

Es müsste also nur die große Politik mitspielen?

Das wäre unser großer Weihnachtswunsch. Es ist schon traurig, dass über Datenschutz geschimpft wird, der Lockdown nicht endet, während wir seit Monaten eine fertige Lösung in Jena am Start und auf Sylt vor der Einführung haben. Der RKI-Epidemiologe Dirk Brockmann saß mit mir bei “Maischberger” und findet Luca “super clever”. Die Gesundheitsämter, mit denen wir in Kontakt stehen, sind begeistert von der Entlastung, die es ihnen bringen kann. Mir scheint, in der Bundespolitik sitzen sie diesbezüglich noch auf den Ohren. Da wird seit einem guten halben Jahr gejammert, wie überlastet die Gesundheitsämter sind, und wir haben eine Lösung, die einzelne Gesundheitsämter bereits feiern, und weder Gesundheitsminister Jens Spahn noch Christian Drosten rufen mal zurück. 

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Fürchtet man da vielleicht, dass es die Bankrott-Erklärung für die Corona-Warn-App wäre?

Im Gegenteil. Die Corona-Warn-App ist der individuelle Corona-Radar für mein direktes Umfeld. Luca ist das System zur sicheren, schnellen und direkten Dokumentationspflicht. Die beiden Apps stärken sich gegenseitig. 

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