Horst Lichter: "Das war der Wendepunkt in meinem Leben"

Viele würden ihn wohl als rheinische Frohnatur betiteln: Horst Lichter. Doch der Koch hat auch eine nachdenkliche Seite. Im Interview mit t-online erzählt er, wie ihn seine Schicksalsschläge verändert haben.

Neben seiner markanten Oberlippen-Frisur ist es wohl vor allem die vergnügliche Art, mit der Horst Lichter bei vielen Fernsehzuschauern in Erinnerung bleibt. Der Koch und „Bares für Rares“-Moderator unterhält seit Jahren ein Millionenpublikum. 2016 veröffentlichte er dann eine Autobiografie mit dem Titel „Keine Zeit für Arschlöcher!“, die nun sechs Jahre später vom ZDF als gleichnamige Verfilmung ausgestrahlt wird.

Darin wird vor allem deutlich: Der nach außen hin so quietschfidele Typ hat jede Menge erlebt. Neben eigenen gesundheitlichen Problemen sind es vor allem private Schicksalsschläge, die ihm zu schaffen machten. Angesichts seines am 15. Januar anstehenden 60. Geburtstags hat er im t-online-Interview über die Hochs und Tiefs gesprochen.

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t-online: Sie werden 60 Jahre alt, Herr Lichter. Denken Sie oft darüber nach, wie Sie sich mal von der TV-Bühne verabschieden wollen?

Horst Lichter: Ach, ich denke nicht oft drüber nach, aber da die Presse immer mal wieder fragt: „Herr Lichter, wann wollen sie aufhören … “ und ich immer wieder antworte: „Wenn ich keine Freude mehr habe“, denke ich natürlich drüber nach.

Ja, am liebsten mit einem schönen Fest. Und dann, wenn alle sagen: „Schade.“ Nicht erst dann, wenn alle sagen: „Gott sei Dank geht der Alte.“ Also den Zeitpunkt werde ich, glaube ich, sehr bedacht suchen müssen.

Wie wird Ihr Leben im Ruhestand aussehen? Häufige Trödelmarktbesuche, viel gutes Essen – weniger Bartpflege?

Vielleicht mache ich tatsächlich die Lehre, von der ich immer geträumt habe, und werde Möbelschreiner. Das wollte ich immer schon machen und ich finde es wunderbar, aus Holz etwas Wunderschönes und Neues entstehen zu lassen. Vielleicht baue ich dann die Tische, an denen die Menschen sitzen und über mich später mal reden. Und was die Bartpflege betrifft: Vielleicht kommt er ja mal ab, man weiß es nie.

Im Ernst: Sie haben sehr viel erlebt, Schicksalsschläge erleiden müssen, eine beachtliche Karriere hingelegt. Welches Erlebnis würden Sie als Wendepunkt bezeichnen? 

Der ganz große Wendepunkt war tatsächlich nach meinem zweiten Herzinfarkt. Mit 28 Jahren beschloss ich damals im Rehazentrum, ein anderes Leben zu leben, als das, was ich zuvor geführt habe. Nämlich das zu tun, was ich möchte, ohne möglichst andere zu verletzen. So habe ich als Erstes meinen Laden aufgebaut, die Oldiethek. Das war der erste große Wendepunkt.

Sie sprechen von einem „ersten“ Wendepunkt. Gab es etwa noch einen?

In der Tat. Der zweite große Wendepunkt war, als ich beschlossen habe, wieder aufzuhören mit meiner Oldiethek, mit diesem wunderbaren Lebensabschnitt, und mich ausschließlich um Fernsehen, Theater, Bühne und Ähnliches zu kümmern, weil mich das so erfüllt hat.

Sie haben im Jahr 2014 Ihre Mutter verloren. Sie wurde 75 Jahre alt.

Das war der dritte, ganz, ganz heftig prägende Wendepunkt in meinem Leben: die Verabschiedung von meiner Mutter. Als ich gemerkt habe, da geht jemand, von dem man gedacht hat, der wird uralt und dann zu wissen, ich werde nun keine Eltern mehr haben. Ich bin dann der Älteste in der Familie …

Was hat das für Sie verändert?

Ich habe dann überlegt, wie werden die Kinder nachher über mich denken, wie werden die Enkelkinder über mich denken. Ich musste mir bewusst werden, dass das Leben damit jeden Tag ein kleines Stückchen dem Ende näher kommen kann, aber davor habe ich keine Angst mehr.

Vor dem Tod?

Ja.

Sie erzählen das mit großer Gelassenheit. Wie stark ist bei Ihnen die Sehnsucht nach Ruhe und Abgeschiedenheit ausgeprägt?

Ruhe und Abgeschiedenheit liebe ich tatsächlich, auch wenn es mir gar nicht so nachgesagt wird. Aber ich kann wunderbar irgendwo Tage, Wochen, auch Monate alleine sein.

Horst Lichter und seine Frau Nada Lichter: Die beiden sind seit 2009 verheiratet.(Quelle: IMAGO / Mary Evans)

Wer ist dabei der Ruhepol an Ihrer Seite?

Der Ruhepol ist natürlich meine Frau, die mich immer wieder runterholt, die sagt: „Mach nicht so viel, leg dich mal hin, guck mal Fernsehen, fahre zur Kur.“ Sie ist mein Anker. 

In einem Interview mit t-online erzählten Sie uns im vergangenen Jahr, ein Satz über die Ehe habe Sie einst sehr beeindruckt. Ein seit 60 Jahren verheirateter Mann sagte Ihnen: „Herr Lichter, wir kommen aus einer Generation, in der noch repariert und nicht neu gekauft wurde.“ Wie oft mussten Sie schon für Ihre Ehe in die Werkstatt?

Das möchte ich jetzt im gleichen Kontext anders beantworten. Wir mussten noch nie in so eine Reparatur, wir hatten noch keinen Totalschaden, Lagerschaden. Aber was wir machen, ist: regelmäßig Inspektionen, nie volle Drehzahl, ab und zu auch einfach mal im Standgas laufen lassen. Und dann kann man auch wieder Gas geben.

Sie sind in dritter Ehe verheiratet: Mussten Sie sich die Reparaturfertigkeiten über die Jahre erst zulegen?

Ja, das ist nun mal so. Das ist wie bei Fahrzeugen: Als junger Mensch kriegte man ein schnelles Motorrad. Was machte man? Man gibt alles: Vollgas, Vollgas, Vollgas. Dann ist es kaputt und man schimpft über die Marke, über das Motorrad und Ähnliches. Mit dem Alter lernt man erst, dass die Wartung, die Pflege sehr, sehr wichtig ist. Und das muss man mit den Jahren lernen.  

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Trauen Sie jüngeren Generationen zu, diesen langen Atem zu haben und in ihrer Ehe auch mal zurückzustecken, um etwas Wertvolles zu erhalten? Oder denken Sie, dass diese Art der Beharrlichkeit zurückgegangen ist und heute mehr Ehen zu Bruch gehen?

Ja, das ist nicht so einfach zu beantworten. Es ist auf der einen Seite ein Segen, dass sich heute Menschen trennen können, ohne dass das Ansehen danach in der Öffentlichkeit leidet, wie früher. Zwei Generationen vor mir war die Frau geächtet, der Mann hätte weitermachen können. Eine Ungerechtigkeit und kein emanzipiertes Denken.

In der Hinsicht sind wir heute weiter?

Heutzutage kann die Frau wirklich gehen, wenn es nicht mehr funktioniert.

Aber?

Heutzutage gehen mir tatsächlich alle zu früh. Erst ist alles sensationell, dann macht man noch zwei-, dreimal am Tag Liebe, und irgendwann, wenn das erst mal vier Wochen nicht ist, sagen alle: „Oh, da geht gar nichts mehr, ich muss dann mal weg.“

Was müsste Ihrer Ansicht nach anders laufen?

Man sollte schon mehr kämpfen!

Sie haben selbst Kinder: Was haben Sie denen mitgegeben im Hinblick auf das Führen gesunder Beziehungen?

Ich sage meinem Sohn und meinen Töchtern immer nur eins: Das Wichtigste sollte ihre Familie sein, also der Partner und Kinder. Wenn irgendjemand die Familie von außen angreift, egal wer: Verteidige erst mal deine Familie, kümmere dich da als Erstes drum. Das ist wichtig. Ansonsten gib immer das, was du selbst gerne hättest: Höflichkeit, Freundlichkeit, Respekt.

Erkennen Sie bei Ihren Kindern typische Eigenschaften, die Sie sich zuschreiben würden? 

Oh, das ist schwer. Ich sage immer, alles Gute kommt von mir und das Schlechte von der Frau. Nein, Spaß bei Seite. Mein Sohn ist mir schon in vielen Dingen sehr ähnlich, keine Frage. Meine Tochter hat auch viele Dinge von mir, aber die spezifisch zu beschreiben, das führte zu weit und ist auch zu privat. Ich kann nur eins sagen: Ich liebe alle meine Kinder und sie lieben mich. Das hoffe ich zumindest, so sagen sie es mir. Und das ist doch das Wichtigste.

Welche Anekdoten werden nächste Woche bei Ihrem Geburtstag wahrscheinlich wieder über Sie zum Besten gegeben?

Da gibt es so unendlich viele. Wie ich mit dem Laden angefangen habe, wie ich das erste Mal in meinem Leben vor der Kamera stand, wie ich die Filmpreise bekam, was ich mit Lafer alles erlebt habe. Das ist eine schöne Idee für ein Buch. Ja, ein schönes witziges Buch, Anekdoten von Herrn Lichter, wer weiß!

Eine größere Feier erscheint aufgrund der aktuellen Corona-Lage eher unangebracht, oder? 

Leider Gottes wird es jetzt nichts mit der geplanten, großen Feier mit fast 300 Gästen auf der Liste. Wir hatten schon die Location gebucht, wir hatten schon Musik geplant, aber wir haben alles abgeblasen. 

Was machen Sie stattdessen?

Ich mache was ganz Verrücktes, auf Anraten meines Schatzes: Ich gehe auf Kur und zwar ganz allein. Ja, Schrotkur, schlafen, Sauerkraut essen, naja und abnehmen. Tut mir, glaube ich, sehr gut. Und feiern tun wir dann im Sommer. Aber dann richtig groß.

Zum Abschluss mal die Hand aufs Herz: Wenn Sie eine Sache in Ihrem Leben anders machen könnten: Welche wäre das und warum?

Ja, dazu sage ich eins: Wenn ich nicht all das gemacht hätte, getan hätte, erlebt hätte, wie ich es habe, wäre ich heute nicht der, der ich bin. Und der, der ich heute bin, den mag ich.

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Gar nichts schiefgelaufen?

Ich ärgere mich immer wieder drüber, dass ich es manchmal nicht schaffe, nur freundlich zu sein. Das ärgert mich wirklich. Und in dem Sinne, ja was soll ich sagen: Bleibt anständig, höflich, freundlich und respektvoll.

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