Jérôme Boateng vor Gericht: Die Staatsanwaltschaft will ihn im Gefängnis sehen

Urteil lässt auf sich warten

Jérôme Boateng vor Gericht: Die Staatsanwaltschaft will ihn im Gefängnis sehen

Freispruch oder Verurteilung für Jerome Boateng?

von Jasmin Raziorrouh, Michelle Simöl, Denise Gatzweiler und Leonie Krebber

In München wird es ernst für Jérôme Boateng (34). Um zehn Uhr hat dort der dritte Prozesstag im Berufungsverfahren wegen Körperverletzung begonnen – es soll heute noch zu einem Urteil kommen.

Boateng-Ex ergreift das Wort: "Wollte einfach, dass die Gewalt aufhört"

Nach dem Schlussplädoyer der Staatsanwaltschaft ist die Nebenklage an der Reihe. Die Verteidigerin von Boatengs Ex-Freundin verdeutlicht, wie belastend der Prozess für ihre Mandatin war. Insgesamt habe sie insgesamt „neun Stunden aussagen“ müssen, während Boateng „sich hier nur zurückgelehnt hat und seine Anwaltsarmada sprechen lassen hat.“ Die Nebenklägerin habe sich in den Prozess eingebracht und dabei auch intimste Details preisgegeben. Ihr Ex habe nur da gesessen und „jegliches strafbares Tun“ und „jegliche Art der Körperverletzung“ abgestritten.

Die Strapazen des Prozesses hat die Nebenklägerin in Kauf genommen, weil sie „einfach wollte, dass die Gewalt aufhört.“ Boateng solle aufhören, sie als sein Eigentum zu sehen und sein pathologisches Gewaltmuster in den Griff bekommen. „Der Kinder zuliebe“, verdeutlicht sie. Es sei ein exemplarisches Kampf David gegen Goliath gewesen und das seit bereits vier Jahren.

Staatsanwaltschaft fordert "Freiheitsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten"

Der Prozess neigt sich endlich dem Ende zu. Die Staatsanwältin ergreift das Wort und verliest ihr Schlussplädoyer. Das, was die letzten drei Tage im Gerichtssaal thematisiert wurde sei nur die „Spitze des Eisberges der körperlichen Misshandlungen, zu denen es gekommen ist“. Dann zählt sie die vermeintlichen Taten Boatengs auf.

Zuerst der Streit während des Kartenspiels, bei dem Boateng ein Windlicht und eine mit Getränken gefüllte Kühltasche gezielt gegen die Nebenklägerin geworfen haben soll. Dann die zweite Tat, bei der der Ex-Profifußballer seine Ex-Freundin angeschrien, an den Haaren gezogen, mit dem Handballen aufs Auge geschlagen und in den Kopf gebissen haben soll. Boateng blickt während des Plädoyers zur Staatsanwältin.

Die Staatsanwältin kritisiert die Verteidigung Boatengs dafür, nur Dinge aus dem Leben der Nebenklägerin erwähnt zu haben, die sie in ein schlechtes Licht rücken. Außerdem stellt sie fest, dass der Zeuge Müller, ein Freund von Boateng, der ebenfalls mit im Karibik-Urlaub war, „sich in Widersprüche verstrickt“ und „klar gelogen“ habe. Ganz im Gegensatz zu ihm seien die Aussagen der Nebenklägerin absolut „glaubhaft“ gewesen. Die Staatsanwältin fordert am Ende ihres Plädoyers eine Bewährungsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten sowie eine festgelegte Bewährung von drei Jahren für Boateng.

Prozess sei nun "entscheidungsreif"

Während das Gericht vor ein paar Stunden noch auf ein heutiges Urteil hoffte, zog sich die Angelegenheit in München in die Länge, da die Verteidigung einen Antrag nach dem anderen stellte. Unter anderem wollten Boatengs Anwälte klären, den Richter wegen Befangenheit abzulehnen. Doch der zuständige Richter verkündete den Beschluss: Das Ablehnungsgesuch wird als unzulässig verworfen und der Antrag gelte nur als Verfahrensverschleppung.

Außerdem wollte die Verteidigung beweisen, dass Boatengs damalige Lebensgefährtin Kickboxen als Sport betreibt. Dieses Hobby soll die blauen Flecken und ihr blaues Auge erklären.

Anschließend kamen auch noch einmal zwei Gerichtsmediziner zu Wort – Letzterer halte einige Aussagen von Boatengs Ex für möglich – sich so ausgelassen und tanzend trotz der angeblichen Verletzungen im besagten Urlaubsvideo zu zeigen, sei auch mit Schmerztabletten und Alkohol unwahrscheinlich.

Kurz vor 16 Uhr wollte die Verteidigung weitere Zeugen laden und legte drei weitere Beweisanträge vor. Anschließend zog sich die Kammer zur Beratung zurück und beschloss die Ablehnung dieser. Der Richter verdeutlichte noch einmal, dass der Prozess heute zu Ende gehen soll. „Irgendwann ist die Verteidigung auch mal Ende, das wisse Herr Boateng am besten, so Richter Forstner, der sich den Verweis auf den Fußball nicht verwehren ließ. Der Prozess sei nun „entscheidungsreif“ und solle nicht von Boatengs Anwälten „in die Länge gezogen“ werden.

Boateng-Ex wird erneut befragt

Nachdem am Vormittag im Gerichtssaal eine Handyaufnahme abgespielt wurde, die die Ex-Freundin von Boateng ausgelassen einen Tag nach dem angeblichen Vorfall im Karibik-Urlaub zeigt, wollen seine Anwälte sie noch einmal dazu befragen. Daraufhin wurde sie erneut in den Zeugenstand berufen. Die Befragung spitzte sich allerdings zu, woraufhin kurz unterbrochen wurde. „Die Kammer hat deutlich gemacht, dass das Verfahren heute beendet werden soll. Bitte haben Sie das auch im Auge“, machte der Richter deutlich. Die Staatsanwaltschaft warf Boatengs Anwälten vor, nur „schmutzige Wäsche waschen“ zu wollen.

Das Video zeigte die junge Frau, wie sie glücklich und munter tanzt. Sie macht den Anschein, angetrunken zu sein. Die Stimmung wirkt allgemein sehr gut und weniger angespannt. Auf den Aufnahmen scheinen auf den ersten Blick keine sichtbaren Verletzungen erkennbar zu sein.

Wenige Augenblicke später beantragte die Staatsanwältin den Ausschluss der Öffentlichkeit. Begründung: Die Kinder der Angeklagten könnten das alles im Internet nachlesen. Boateng regte sich daraufhin auf, murmelte vor sich her und wurde von seinem Anwalt beruhigt.

Ansonsten schien Boateng am heutigen Mittwoch (2. November) eine neue Taktik zu fahren. Seine Ankunft – die wir oben im Video zeigen – wirkte nicht brachial, seine Bodyguards hielten sich im Hintergrund. Auch im Saal wirkte er mehr beteiligt am Geschehen. Etwas demütiger – mit gefalteten Händen unter dem Tisch.

Boatengs Van wird durchsucht

Boatengs Bodyguards sorgen vor Gericht für Ärger

Razzia für Boatengs Sicherheitsfirma

Während am Morgen alle im Gerichtssaal Platz nahmen, spielten sich draußen unerwartete Szenen ab. Der Van des Sportlers wurde durchsucht! Die genauen Hintergründe waren zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht bekannt. Es scheint jedoch um die Anklage gegen Boatengs Securityfirma zu gehen. Hinzukommt, dass die Verteidigung im Saal ankündigte, ein Geheimnis über seine damalige Partnerin lüften zu wollen – was für ein Krimi! Kurz darauf lehnte der Richter diesen Antrag jedoch ab.

Tatsächlich stellte sich etwas später heraus, dass sich die Untersuchung des Fahrzeugs nicht gegen Boateng richtete. Wie eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft, Anne Leiding, mitteilte, ging es bei der großangelegten Razzia um das Durchsuchen von Objekten der Sicherheitsfirma, die der 34-Jährige zu seinem Schutz bei Gericht engagiert hat: „Insgesamt haben wir hier vier Beschuldigte, gegen die wir ermitteln. Es geht um den bereits bekannt gewordenen Umstand, dass eine Zeugin durch die Security-Firma bei ihrer Aussage am zweiten Verhandlungstag gefilmt wurde. Und die sich dadurch bedroht gefühlt hat.“ Auch in Hamburg, Niedersachsen und Brandenburg war es zu Durchsuchungen gekommen – Gegenstände, nach denen die Staatsanwaltschaft suchte, seien dabei sichergestellt worden.

Darum geht es im Prozess

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Der 34 Jahre alte Boateng ist angeklagt, weil er 2018 seine damalige Partnerin in einem Karibik-Urlaub beleidigt, geschlagen und verletzt haben soll. Das Amtsgericht München hatte ihn im vergangenen Jahr zu einer Geldstrafe von 1,8 Millionen Euro verurteilt. Weil alle Prozessbeteiligten Rechtsmittel gegen dieses Urteil einlegten, startete im Oktober der Berufungsprozess.

Das Angebot des Landgerichts München I, die Berufung in der Sache zurückzunehmen und nur noch über das Strafmaß zu verhandeln, hatte Boateng, der die Vorwürfe bestreitet, sich vor Gericht dieses Mal aber nicht selbst äußerte, zweimal ausdrücklich abgelehnt. Das Gericht hatte ursprünglich nur zwei Verhandlungstage angesetzt, der Mittwoch ist bereits der dritte Tag im Prozess. (mit dpa)

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