Roman + Heiko Lochmann: "Unsere Sucht ist auf jeden Fall …"

Mobbing, Derealisation, Panikattacken und Suchterfahrungen: Heiko Lochmann, 21 und Roman Lochmann, 21, sind als Comedy-Duo "Die Lochis" bekannt geworden. Heute machen sie als "HE/RO" Musik über ernste Themen, die sie selbst betreffen. Den Zwillingsbrüdern und ehemaligen Youtubern ist es wichtig, psychische Erkrankungen aus der Tabuzone zu holen.

"Wir wollen unseren Fans zeigen: Ihr seid nicht allein mit euren Problemen", erzählt Roman im "Mental Health Matters"-Interview. Die Musiker wollen, dass man nicht "direkt als verrückt abgestempelt wird", sobald man über seine psychischen Störungen spricht. Dieses Anliegen kommt nicht von ungefähr. Denn Roman und Heiko haben selbst seit ihrer Jugend mit psychischen Problemen zu kämpfen und mit einer Sucht, die sie "belastet".

Roman Lochmann über Panikattacke: “Krass, irgendwas läuft gerade falsch”

GALA: In eurem neuen Song "Falsch mit mir" geht es um psychische Probleme. Woher kam bei euch der Entschluss, mit so einem intimen Thema an die Öffentlichkeit zu gehen?
Heiko: Wir hatten das anfangs nicht geplant. Wir haben einfach unsere Gefühle aufgeschrieben und daraus wurde dann dieser sehr persönliche und intensive Song. Erst im Nachhinein haben wir gemerkt, dass das ein Thema ist, was nicht nur uns, sondern auch viele andere bewegt. Viele trauen sich nicht, darüber zu reden, aber das hat sich für uns sehr befreiend angefühlt.

Was ist "falsch" oder – wie ihr singt – "kaputt" mit euch?
Heiko: Das sind bei mir Dinge wie Selbstzweifel. Früher wurde ich krass wegen meiner Akne gemobbt. Es gab auch eine Zeit, da habe ich mich viel zu oft mit anderen verglichen. Social Media war dann auch kein einfacher Ort für mich. Das war wie eine Negativspirale. So was hört nicht so einfach auf. Das zu akzeptieren, um da irgendwann rauszukommen, hat mir aber geholfen.
Roman: Bei mir sind es Panikattacken und die Derealisation, an denen ich ab und zu leide. Rückblickend kann man zwar sagen, an mir ist nichts falsch.

Laut medizinischem Wörterbuch "Pschyrembel" handelt es sich bei einer Derealisation um eine Ich-Störung mit dem Ge­fühl der Entfremdung gegenü­ber der Um­welt. Ei­ne kurzan­haltende De­realisati­on ist unter anderem auf Ü­ber­müdung zurückzuführen und kann sowohl bei psychisch erkrankten als auch bei psychisch gesunden Personen auftreten. (Anm. d. Red.)

Wie äußert sich die psychische Störung Derealisation bei dir?
Roman: Seitdem ich 14 Jahre alt bin, tritt die sie episodenhaft auf, jeweils für einen längeren Zeitraum. Wenn ich das habe, fühle ich mich wie in Watte gepackt und nehme meine Umgebung aus einer distanzierten Beobachterrolle wahr. Alles fühlt sich wie ein Traum an, als ob sich mein Leben auf einer Leinwand abspielt.

Heiko Lochmann: “Ich hätte mir damals sehr gewünscht, darüber reden zu können”

Heiko: Ich hatte die Derealisation auch, aber nur für eine Woche – so mit 14, 15 Jahren. Das kann man nicht mit dem vergleichen, was Roman durchgemacht hat. Ich hätte mir damals sehr gewünscht, darüber reden zu können. Deswegen finde ich Romans Offenheit sehr gut.  

Roman, du hast deine psychische Störung im März 2021 erstmals auf Instagram öffentlich gemacht. Wie war das Feedback?
Roman: Danach haben mir echt viele vor allem junge Menschen geschrieben, die auch eine Derealisation erlebt haben – teilweise viel krasser als ich. Viele wussten nicht, was das ist. Mein Post hat ihnen geholfen zu verstehen, was mit ihnen los ist und gezeigt, dass sie nicht alleine damit sind. Darüber habe ich mich so sehr gefreut. Das hätte ich mir damals mit 14 Jahren auch gewünscht.

https://www.instagram.com/p/CL6rdHmJKKP/

Was denkt ihr, ist die Ursache für diese psychische Störung?
Roman: Anscheinend ist es so was wie ein Schutzmechanismus des Gehirns. Ich glaube, dass es oft sensitive Menschen betrifft, die ihre Umgebung sehr stark wahrnehmen. Wenn man zu viele Sinneseindrücke und Emotionen gleichzeitig wahrnimmt, kommt irgendwann eine Art Bodyguard, der aussortiert. Dadurch entsteht dann dieses Distanz-Gefühl. Da ist ein blödes Gefühl.

Heiko, du hast auf Instagram zuletzt deinen Gedanken, die du um vier Uhr nachts hattest, auf einem Bild den Mittelfinger gezeigt. Welche Gedanken waren das?
Heiko: Ich will da gar nicht zu sehr ins Detail gehen, weil es mir dann doch zu privat ist.

Das war früher nicht so, das ist nun plötzlich da. Das beschäftigt mich oft, wenn ich im Bett liege und lässt mich schlecht schlafen. So ein Post auf Instagram hilft mir aber bei der Verarbeitung. Das ist wie ein Ventil, um solche Gedanken rauszulassen.

Diese Sucht belastet Heiko und Roman Lochmann

Habt ihr auch Suchterfahrungen gesammelt?
Heiko: Unsere Sucht ist auf jeden Fall Nikotin. Jeder kennt sie, die größte Sucht der Welt. Das belastet einen schon, wenn man darüber nachdenkt, wie viel Zeit und Geld dafür draufgeht, aber auch, wie viele Schadstoffe man täglich einatmet. Eifersucht ist auch eine Art Sucht, die bei mir zeitweise stark vorhanden war. Das ist jetzt aber nicht mehr so.  

Eure Band soll eine Inspiration für jeden sein, das Echte in sich zu suchen und anzunehmen. Was ist das Echte in euch?
Heiko: Ich würde mal sagen, das Unangepasste, Unperfekte und Unverfälschte.
Roman: Uns war wichtig, dass das, was wir machen, andere berührt. Und das passiert halt nur, wenn es um echte Dinge geht und wir auch ehrlich mit uns selbst sind. Das war auch irgendwie so ein Gefühl von Freiheit, weil wir uns nicht mehr anpassen müssen und uns auch nicht mehr so viele Gedanken machen müssen, wie wir jetzt wirken. Wir sind einfach so, wie wir sind und das ist ein befreiendes Gefühl.

https://www.instagram.com/p/CM1yQiZIDDO/

Wieso tut es manchmal so weh, das Echte in sich zu entdecken?
Heiko:

Vor allem die Einsicht, dass es ok ist, nicht ok zu sein, hat mir dabei sehr geholfen.  
Roman: Mit dieser Zeile ist gemeint, sich selbst auch wirklich zu akzeptieren. Wir haben schon einige Tiefpunkte und schmerzhafte Phasen durchlebt, aber so geht es, glaube ich, vielen. Diesen Gefühlen dann entgegenzutreten, sie nicht zu verdrängen, sondern seine Verletzlichkeit zu akzeptieren und anzunehmen, ist sehr wichtig und vor allem echt.

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