Riesenkater mit Riesenkoala: Der neue "Tatort“ aus Münster

Kommissar Thiel säuft sich durch die Nacht und steht am nächsten Morgen unter Mordverdacht. Er kann sich an nichts erinnern und wird von beängstigenden Halluzinationen geplagt. Zum Glück hat er ein Team, das ihn vor „Des Teufels langem Atem“ beschützt. Auch Professor Boerne steigt aus der Badewanne und beweist sein Genie. Aber richtig zu Herzen geht vor allem die ruppige Liebe zwischen Vadder und Sohn Thiel.

Eine KritikvonIris Alanyali

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Kommissar Thiel weint besoffen in der Kneipe und Professor Boerne nimmt ein Schaumbad. Das ist ein würdiger Einstieg nach einem dreiviertel Jahr Münsteraner „Tatort“-Abstinenz.

Der letzte „Tatort“ mit Kommissar Frank Thiel und Gerichtsmediziner Karl-Friedrich Boerne lief im Mai: In „Rhythm und Love“ sah sich Boerne Plagiatsvorwürfen ausgesetzt. Jetzt steckt sein Kollege Thiel in Schwierigkeiten: Nach einem wirren Anruf bei Boerne wacht Thiel am nächsten Morgen in einem Hotelzimmer auf. Boerne sitzt in einem Stuhl und betrachtet ihn interessiert, in der Hand eine Dose Erbsensuppe, auf dem Schoß ein Plüschkoala. Thiel kann sich an nichts erinnern. Ein Alptraum.
Nein, der neue „Tatort: Des Teufels langer Atem“.

Ein Fall für Persönlichkeiten

Der Rauch, der sich durch die Anfangsszenen zieht und in den sich die Namen der Darsteller zu Beginn der Episode auflösen, ist eine hübsche, vieldeutige gestalterische Spielerei (Regie: Francis Meletzky). Was nach einem Riesenkater für Thiel aussieht, entpuppt sich als Riesenproblem mit Riesenkoala: In einem nahen Waldstück wird die Leiche eines ehemaligen Vorgesetzten gefunden, den Thiel vor 20 Jahren ins Gefängnis gebracht hat. In der Nähe steht das Taxi von Vater Thiel (der gerade im Krankenhaus liegt), in der Leiche stecken die Kugeln aus Frank Thiels Dienstwaffe. Dem Kommissar aber stehen für seine Ermittlungen in höchst eigener Sache nur Erinnerungsfetzen der letzten Nacht zur Verfügung. Kurze Flashbacks, die wenig Sinn zu machen scheinen.

Dass es in den „Tatorten“ mit Kommissar Frank Thiel und Professor Karl-Friedrich Boerne nicht wirklich um den Mord geht, ist ja kein Geheimnis. Allerdings zeigt dieser Münsteraner „Tatort“ wieder deutlich, dass es auch keineswegs einfach nur Klamauk handelt, wie seine Kritiker ihm regelmäßig vorwerfen.

Kluge Drehbuchautoren stellen längst einen anderen Aspekt der Krimiserie ins Zentrum: Die Geschichten aus Münster kreisen um die ungewöhnliche Freundschaft der beiden Ermittler. Der jeweilige Kriminalfall dient als Gelegenheit, diese Freundschaft unter Beweis zu stellen, und weil es sich um ein so ungleiches Paar handelt, ergibt sich der Klamauk von ganz allein. Indem zum Beispiel ein verstörter Thiel sich verzweifelt an die Ereignisse der Mordnacht heranzutasten versucht, während ein unsensibler Boerne frohgemut an seiner Seite durchs Geschehen trampelt.

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Der „Münsteraner“ Tatort erfindet sich nicht neu

Viele Krimizuschauer dürften „Des Teufels langer Atem“ nach ungefähr der Hälfte aufgeklärt haben, aber Drehbuchautor Thorsten Wettcke hat den Fall mit genug überraschenden, wenn auch ziemlich hanebüchenen Details geschmückt, um für Kurzweil zu sorgen. Aber wenn es in den Münsteraner „Tatorten“ nicht um plausible Kriminalfälle geht, müssen sie sich daran messen lassen, was die Geschichte aus der Beziehung der beiden Hauptfiguren herausholt.

Und da erfahren wir nichts Neues. Denn dass die beiden eine wirklich bedingungslose Freundschaft verbindet, die weder von geteilten Interessen noch Denkweisen oder gemeinsamer Herkunft zusammengehalten wird, das wissen wir inzwischen. Natürlich glaubt Boerne nicht, dass Thiel einen Mord begangen hat, und natürlich weiß Thiel, dass er sich auf die Hilfe seines Kollegen verlassen kann, egal wie lange der in der Badewanne sitzen möchte.

Vor ein paar Folgen steckte Professor Boerne im „Limbus“ fest und durfte als unsichtbarer Untoter seinen Kollegen dabei zusehen, wie sie seinen Fall für ihn aufklärten und ihm dabei, wenn auch kopfschüttelnd, ihre Freundschaft bewiesen. Jetzt ist es ein halluzinierender Thiel, der sich darauf verlassen muss – und kann –, dass das Team für ihn die Realität wieder gerade rückt.

Ein Schild aus Zuneigung und Vertrauen

Dass dabei Professor Boernes Genie einerseits eine wichtige Rolle spielt, andererseits aber einen herben Schlag abbekommt, gehört zu den schönsten Szenen in „Des Teufels langer Atem“: Er ist auf die Unterstützung ausgerechnet seiner angeblich „schlechtesten Studentin“ Vivian Peters (Judith Goldberg) angewiesen, die jetzt ebenfalls als Gerichtsmedizinerin arbeitet und sich mit Boernes Assistentin Silke Haller (Christine Urspruch) zusammentut, um gehörig über den Narzissten herzuziehen. Es ist aber auch höchste Zeit, dass die unzeitgemäßen Beleidigungen der Figur Boerne nicht immer nur konsequenzenlos als Schenkelklopfer durch den „Tatort“ poltern.

Die coolste Rolle aber spielt dieses Mal Herbert Thiel (Claus D. Clausnitzer), der entscheidend zur Wahrheitsfindung beiträgt – die ruppige Liebe zwischen markigem Vater und verzweifeltem Sohn gehört zu den anrührendsten Momenten in diesem „Tatort“.

Ob es Vadder Thiels Expertise, Boernes Beobachtungsgabe oder Hallers Risikobereitschaft ist, Staatsanwältin Wilhelmine Klemms (Mechthild Großmann) Einfluss oder Mirko Schraders (Björn Meyer) klappriges Auto: Wie ein Schutzschild umgeben Zuneigung und Vertrauen und nicht zuletzt seine eigene Integrität Frank Thiel – dagegen hat auch der teuflischste Atem keine Chance.

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