So kam die falsche ARD-Wahlprognose zustande

Olaf Scholz hat mit der SPD die Bundestagswahl gewonnen und ist nun in der Pole Position, um künftig eine Regierung anzuführen. Doch am Sonntagabend gab es noch einen Wahlsieger: die ARD.

Ein Blick auf die Zahlen zeigt: Wenn Deutschland wählt und ein neuer Bundestag zusammengestellt wird, schalten die Bürgerinnen und Bürger dieses Landes vor allem Das Erste ein, um sich über den Wahlausgang zu informieren. Durchschnittlich sahen das ARD-Programm fünf Millionen, die „Tagesschau“ schalteten 9,63 Millionen Menschen ein. Das reichte für den Quoten-Spitzenplatz.

Naturgemäß gibt man sich bei dem TV-Wahlsieger also in der Bilanz des Abends sehr zufrieden. „Die große Zuschauerresonanz (…) freut uns sehr. Unser mehr als sechsstündiges Informationsangebot am Wahlabend hat gerade auch bei den jüngeren Zuschauern viel Beachtung gefunden. Das ist ein Erfolg“, erklärt ein Sprecher der ARD-Programmdirektion auf Nachfrage von t-online.

Auch in der Zusammenarbeit mit dem ZDF habe es keine Probleme gegeben. Im Gegenteil: Die „Berliner Runde“ mit den Parteispitzen, die zur Primetime von beiden Sendern gleichermaßen ausgestrahlt wurde, habe „hervorragend geklappt“, heißt es. Dass es allerdings auch Kritik gegeben habe, weil mit Rainald Becker und Peter Frey zwei Männer mit über 60 Jahren die Moderation übernommen hatten, will man bei der ARD nicht bemerkt haben. Mit dem Duo sei man „sehr kompetent besetzt“ gewesen, so die ARD.

„Die Wahlsendung im Ersten“: Tina Hassel, Studioleiterin im ARD-Hauptstadtstudio, und „Tagesthemen“-Moderator Ingo Zamperoni waren mit Prognose-Experte Jörg Schönenborn auf Sendung. (Quelle: ARD-Hauptstadtstudio/Jens Jeske)

Auf die Frage, ob man sich vor allem mit Blick auf ein zuvor eher zwiespältiges Medienecho bei den TV-Triellen – damals hatten RTL und ProSieben mit ARD und ZDF durchaus auf Augenhöhe agiert, so viele Beobachter – nun erst recht zufrieden zeige, lenkt man bei der Senderanstalt ein. „Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat in der politischen Berichterstattung seine Trümpfe ausgespielt und das wurde vom Publikum auch honoriert“, heißt es selbstbewusst. 

Einen Wermutstropfen gab es am Abend dennoch. „Im Großen und Ganzen sind wir mit dem Wahlabend sehr zufrieden. Wenn die Kanzlerkandidatin und die Kanzlerkandidaten etwas früher auf den Bühnen erschienen wären, hätten wir Statements und Interviews von ihnen noch ausführlicher abbilden können“, zeigt sich die Programmdirektion der ARD kritisch, merkt aber an, dass dies nicht in ihrer Verantwortung gelegen habe. Tatsächlich war es vor allem Olaf Scholz, der nach den 18-Uhr-Prognosen sehr lange auf sich hat warten lassen.

Probleme am Wahlabend mit Infratest dimap

Dies könnte auch damit zu tun gehabt haben, dass vor allem durch die ersten Zahlenveröffentlichungen der ARD ein Narrativ in die Welt gesetzt wurde, das sich schnell verselbstständigte. Denn dort sprach man davon, SPD und Union seien „gleichauf“. Die Daten von Infratest dimap sahen beide Parteien um 18 Uhr bei 25 Prozent. Als Armin Laschet auf die Bühne trat, konnte er mit diesen Zahlen argumentieren – und von seiner herben Niederlage ablenken. Das ZDF hingegen hatte von Beginn an die SPD vorne gesehen, wenn auch mit knappem Vorsprung.

Wie diese Unstimmigkeit zustande kam, kann die ARD nicht so recht beantworten. Sie gibt die Verantwortung weiter an Infratest dimap. Demnach seien laut des Umfrageinstituts „die Unterschiede zwischen SPD und Union in der Exit Poll zu gering“ gewesen, „um damit in der Prognose eine belastbare Aussage zur Reihenfolge der Parteien zu begründen“. Weiter heißt es: „Betrachte man die Abweichungen je Partei, so lagen sie im üblichen Rahmen.“ Ärgerlich war dies allerdings nicht nur für Olaf Scholz und die SPD, sondern letztendlich auch für die ARD selbst, wie ihr Verweis auf die nicht ausreichend ausführlich gesendeten Statements erkennen lässt.

Bild TV: Bei der Wahlberichterstattung verwendete der Sender immer wieder auch Material von ARD und ZDF – ohne Genehmigung. (Quelle: Bild TV/Screenshot)

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Und noch eine Randerscheinung sorgte gestern im Laufe der Politberichterstattung für Schlagzeilen. Bei Bild TV hatte man sich freimütig am TV-Signal der öffentlich-rechtlichen Sender bedient, minutenlang die „Berliner Runde“ gezeigt und auch andere Inhalte von ARD und ZDF ohne Genehmigung übernommen – mehr dazu lesen Sie hier.

Ob die ARD dies sehr überrascht habe angesichts der zuletzt so lautstark geäußerten Kritik von „Bild“ an der Berichterstattung der Sender, wollten wir wissen. Die Antwort darauf fällt diplomatisch, aber nicht gänzlich ohne Seitenhieb aus: „Es ist tatsächlich ein gewisser Widerspruch. Aber offensichtlich sind die Wahlsendungen von ARD und ZDF so unverzichtbar und inhaltsreich, dass auch Bild nicht ohne sie auskommt“, erklärt die ARD-Direktion. Zu den rechtlichen Konsequenzen könne man zum jetzigen Zeitpunkt aber noch keine weiteren Auskünfte geben. Die Prüfung juristischer Schritte laufe noch.

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